„Schlacht in Praga“: Geschichtliche Verwicklungen am Rand der EM

Im Vordergrund die Weichsel: Heute friedlich, vor über 200 Jahren Schauplatz der "Schlacht um Praga"
Warschau, östliches Weichselufer: Heute friedlich, vor über 200 Jahren Schauplatz der „Schlacht um Praga“

Ein Tweet meines polnischen Journalistenkollegen Cezary Gmyz, der bei der konservativen Zeitung Rzeczpospolita (Repubik) arbeitet, macht mich auf eine unglaubliche Randgeschichte der EURO2012 aufmerksam. Und auf eine Schlacht, die vor fast 220 Jahren an derselben Stelle stattfand, an der heute das Nationalstadion in Warschau steht. Es geht bei dieser Schlacht auch um die heutigen Gegner im Schicksalsspiel der Gruppe A: Polen und Russland. Und es geht um einen elektronischen Reiseführer.

Diplomatische Einmischung in einen Stadtführer

Extra zu EURO hatte die Vereinigung Monopol Warszawski  einen Reiseführer (=Przewodnik) für den heute hippen Stadtteil Praga, östlich der Weichsel herausgegeben. Dieser Stadtteil war allerdings vor fast 220 Jahren auch Schauplatz eines blutigen Gemetzels, nämlich der Schlacht von Praga, bei der russische Zarentruppen nach Schätzungen von Historikern rund 20.000 Polen töteten, Soldaten, Zivilisten, Frauen und Kinder. Dieses Massaker am östlichen Weichsel-Ufer war trauriges Ende des Kościuszko-Aufstandsbenannt nach dem damals inhaftierten polnischen General Tadeusz Kosciuszko. An diese Schlacht erinnert auch ein Kreuz in Praga und eine Tafel. Und im englischen und im polnischen Stadtführer sind die Erinnerungsorte und die Geschichte der Schlacht kurz beschrieben. In der russischen Version allerdings kein Wort davon. Wie die Journalisten des Internet-Portals TVN24.pl herausgefunden haben, hat der russische Botschafter in Polen, Aleksandr Nikołajewicz Aleksiejew, interveniert und verlangt, dass die Schlacht nicht im Stadtführer dargestellt wird. Die russische Sicht auf die Geschichte ist eben eine komplett andere. Von Massaker oder Gemetzel will die russische Seite nichts lesen. Der Tourismus-Verband, der den Reiseführer gern auch auf russisch veröffentlichen will, arbeitet jetzt an einer neuen Version. Eigentlich ein kleiner Skandal, ganz am Rande der EURO. Aber das zeigt, wie „heiß“ und vorsichtig man im Verhältnis der beiden Länder sein muss – genauso wie im Verhältnis von Deutschland zu Polen übrigens.

Hansi Flick und sein Stahlhelm

Deshalb fand ich es auch zumindest unsensibel, als der deutsche Co-Trainer Hansi Flick in einer Pressekonferenz von „Stahlhelmen“ sprach, die die deutschen Spieler gegen Portugal aufziehen sollten. Journalistisch kreativ war in dieser Sache übrigens der Tagesspiegel, mit „Ein paar Tipps für Hansi Flick„.

Aber lassen wir’s gut sein: Heute sind die Russen dran, wieder in Praga. Denn dort steht auch das neue polnische Nationalstadion, in dem heute sportlich miteinander gekämpft wird.

P.S: Meine polnischen Freunde schreiben mir in Mails „walczimy“ – wir kämpfen und fordern mich zum Daumendrücken auf. Das mache ich natürlich, auch wenn es wohl nicht einfach wird, für die weiß-roten, die „biało-czerwoni“!

P.S.S: Aus dem polnischen Artikel auf der Seite von tvn24.pl konnte ich leider nicht genau entnehmen, ob es sich bei dem Stadtführer um einen Audio-Guide, eine Webseite oder eine gedruckte Version handelt. Jedenfalls ist von einem „e-przewodnik“, also einem „e-Stadtführer“ die Rede.

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