„Wenn ich dann der Prügelknabe bin, dann ist das okay“

Holger Kreymeier zur Debatte über sein Freiwild-Interview

Inzwischen hat sich Holger per Mail nochmal bei mir gemeldet und eine Art Resümé gezogen, Sein Interview mit der umstrittenen Band Frei.Wild  in Folge 106 von fernsehkritik.tv hatte ja zu vielen Reaktionen in Blogs und auf weiteren Internetseiten geführt. Die Kommentare und Reaktionen haben ihn auf jeden Fall zum Nachdenken angeregt. Er schreibt:

„Was den Beitrag über Frei.Wild angeht, würde ich ihn mit dem heutigen Wissen um die Reaktionen auch anders machen. Ich bleibe aber dabei, dass dieser Band unrecht getan wird, weil sie einen ganz anderen Hintergrund und einen ganz anderen Heimatbegriff hat. Aber die Reaktionen waren interessant, denn wenn plötzlich selbsternannte Basis-Demokraten Verbote und Einschränkungen bei der Meinungsfreiheit fordern, dann entlarven sie sich damit selbst.“

Also, was Frei.Wild angeht, bin ich der Meinung, dass sich ein Journalist erstmal intensiv mit der Geschichte Südtirols beschäftigen muss (was ich auch noch nicht getan habe), um bestimmte einseitige Geschichtsdeutungen und Aussagen der Freiwild-Jungs erkennen und hinterfragen zu können. Das hat Holger leider nicht gemacht. Abschließend ist er auch – wie ich im letzten Blog-Beitrag geschrieben hatte – froh über den Diskurs, der im Internet in Gang gekommen ist:

„Insgesamt hat es eine Debatte, eine wichtige Debatte, ausgelöst. Und wenn ich dafür dann der Prügelknabe bin, dann ist das okay.“

Ob er sich als Prügelknabe fühlen muss, lass ich mal dahingestellt, denn schließlich „haut“ er auch manchmal drauf. Aber ich hoffe mal, das war der Anfang einer eingehenden Auseinandersetzung mit Bands und Subkulturen im Graubereich des Rechts-Extremismus.

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6 Gedanken zu “„Wenn ich dann der Prügelknabe bin, dann ist das okay“

  1. Es ist vielleicht nicht 1:1 eine paradoxe Intervention aber hat Ähnlichkeiten :D Aber ja, selbst wenn man Freiwild nicht toll findet wäre es aus taktischen Gründen sinnvoll wenn die Medien immer wieder ihr Engagement gegen Rechts in den Vordergrund stellen statt zugunsten der quotenträchtigen Skandalinszenierung und Moraldarstellung in ihre Liedtexte heimliche Nazigedanken zu deuten.
    Aber vermutlich ist das schon viel zu psychologisch gedacht, denn wenns darum geht tatsächlich was sinnvolles gegen Rechts zu tun oder sich lieber als jemand darzustellen, der was gegen rechts tut… wählen viele zweiteres :D

  2. Wow. Das ist ein ganz schön komplexer Gedankengang. Ich hoffe, ich verstehe ihn annähernd. Wenn Du „er“ schreibst, meinst Du immer einen potentiell rechtsorientierten Fan der Band, richtig? Dann macht das schon teilweise Sinn, was Du schreibst. Es ist auch eine verdammt schwierige Debatte, weil es vor allem darum geht, was Zuhörer/Menschen mit den Texten und der Musik machen. Und das ist sehr individuell und schwer überprüfbar. Ich würde deshalb im Umgang mit der Thematik dafür plädieren, die Band und ihr eigenes Selbstverständnis noch genauer darzustellen und zu hinterfragen. Z.B. hat es mich überhaupt nicht überzeugt, als Holger etwas zur Haltung gegenüber der Demokratie gefragt hat und dann kam etwas über den „Kampf gegen die Arbeitslosigkeit“, den Frei.Wild angeblich führt. Häh? Da wäre eine Nachfrage gut gewesen. Also in diesem Fall hilft wohl nur eins nach dem anderen sauber abarbeiten. Auch wenn die Jungs es lieber sähen, dass „bestimmte Leute“ sie garnicht erwähnen würden.

    Danke nochmal für den Gedankengang, aber eine Sache nocoh: Dein letzter Satz, der ist für mich zu komplex, den verstehe ich nicht!

    1. Hmmm, könnte an meiner doofen Tastatur liegen, die ab und zu Buchstaben frisst oder welche dazumogelt. Ich denke, du hast es aber soweit durchaus so verstanden wie ich es meinte. Zum letzten Satz:

      Kein Mensch mag Dissonanzen, also quasi Ungereimtheiten in seinem (Denk)system. Wenn nun jemand rechts(radikal) ist und Freiwild mag ist es eine Dissonanz, wenn Freiwild angibt, gegen Rechts zu sein und Faschisten zu hassen. Er müsste dann entweder seine Einstellung zum Rechtsextremsein überdenken oder sein Fansein von Freiwild. Nun muss man bedenken, dass Bands oft riesen Vorbilder sind und tatsächlich ihre Fans sehr beeinflussen. Die Waage könnte somit durchaus Richtung Freiwild und einem gemäßigteren Patriotismus ohne Faschismus und Gewalt ausschlagen.

      Wenn nun aber in allen Medien diese Statements von Freiwild als „Taktik“ dargestellt werden, bietet das eine super Alternative: Ich kann weiter Freiwild toll finden, ohne dass ich mein rechtsextremes Gedankengut überdenken muss, denn in Wirklichkeit findet die Band das ja auch gut. – Sie sagt das nur nicht öffentlich, aber jeder weiß ja, dass das nur Show ist.

      Würden die Medien eher positiv auf die Freiwildschen Statements reagieren (die ja durchaus auch sehr drastisch ausfallen) und diese verbreiten hätte das m.E. viel positivere Wirkung als das Relativieren dieser Statements – ganz egal wie rechts die Band nun tatsächlich ist.

      1. Jetzt hab ich es! Danke! Also alle Medien dieser Erde: Feiert Frei.Wild! ;-) Nennt man sowas in manchen (Fach-)Kreisen nicht auch „paradoxe Intervention“ oder so hnlich?

  3. Aus der dazugehörigen Diskussion habe ich mich bisher herausgehalten. Ich denke allerdings, dass es grundsätzlich nicht hilfreich ist, eine Band in eine rechtere Ecke zu stellen als sie sich selbst sieht. Das Argument, dass wenn so eine Band sich gegen Rechtsextremismus, Nazis und Faschismus ausspricht, das beim gefährdeten Puzblikum viel eher ankommt, finde ich schlüssig. Mal angenommen ein zum rehten Rand tendierender Mensch hört die Texte, ist begeistert und denkt sich „Tolle Einstellung!“… dann stolpert er über Textzeilen wie „Wir hassen Nationalsozialisten“ und hört Statements der Band gegen rechts. Er wird seine Einstellung dadurch viel eher hinterfragen als wenn dies vom „Feind“ kommt, der ohnehin doof ist und in allem unrecht hat.

    1. (Nachtrag) Wenn er nun merkt, dass dies so hingenommen wird und alle selbstverständlich davon ausgehen, dass Freiwild natürlich nicht rechts ist wird dies einen anderen Effekt haben als wenn er voin allen Seiten hört, das sei nur Taktik und in Wirklichkeit seien das ja doch heimliche Nazis. Dann kann er sein Glaubenssystem festhalten indem er sich sagt „Ach so, die spielen hier eine Show aber in Wirklichkeit wollen sie doch, dass ich Türken verkloppe“ – andernfalls müsste er sich wirklich damit auseinandersetzen warum jemand, der Patriotismus doch gut findet (so wie er) aber etwas gegen Nazis hat und von Respekt für alle enschen redet.

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