Mein Ausflug ins Universum des Reality-TV

Sie heissen „Berlin Tag & Nacht„, „Mitten im Leben*“, „Frauentausch„, „Die Schulermittler“, „Familien im Brennpunkt„, „Köln 50667“ und geben vor, den deutschen Alltag abzubilden. Diese Serien sind billig produziert, weil ihre Protagonisten teils für Tagesgagen von 60 Euro arbeiten. Die Folgen werden wie am Fließband hergestellt, trotzdem sind sie erfolgreich bei den Zuschauern – und in der Geschäftsbilanz der Privatsender. Doch wie gehen die jungen Zuschauer damit um? In einer neuen Studie von Maya Götz, veröffentlicht im Jahr 2012, wurden insgesamt 294 Jugendlichen im Alter von 6-18 Jahren verschiedene Folgen der gescripteten Reality-Serie  „Familien im Brennpunkt“ gezeigt. Fast ein Drittel (30 Prozent) der jungen Zuschauer hielt die gezeigten Szenen für echt und authentisch. 48 Prozent der befragten Jugendlichen waren der Meinung, es handele sich um echte Familienstreitigkeiten, die mit Laienschauspielern nachgestellt würden. Und nur 22 Prozent gaben die richtige Antwort: Nämlich komplett ausgedachte, fiktionale Stories.

Sophia, Hannah und Philipp bei der Kamera-Einführung
Teamwork von Schülerinnen und Studenten: Sophia, Hannah und Philipp bei der Kamera-Einführung im Workshop „Fake-TV“

Ergebnisse des Workshops „Fake-TV: Was ist echt in TV & Internet?“

Aufgrund dieser Forschungsergebnisse und der Wichtigkeit, die solche Formate für die Lebensgestaltung und Alltagsorientierung von Jugendlichen einnehmen, macht ein Workshop zur Förderung der Medienkompetenz in diesem Bereich Sinn. In den letzten Wochen bin ich zusammen mit einer Gruppe von 15 Schülerinnen und Schülern sowie Studierenden der BTU Cottbus also in die Welt des Realitätsfernsehens abgetaucht. Im Workshop haben wir uns mit den Wirkungsweisen und Darstellungsmechanismen dieser TV-Phänomene beschäftigt. Hier, hier und anfangs hier hatte ich im MaxMedienBlog schon mal darüber berichtet. Als Ergebnis ist jetzt ein fast halbstündiger Film entstanden, in dem die Teilnehmer in verschiedenen Kleingruppen dieses Genre aufs Korn nehmen und teils auch entlarven. Der Film, der entstanden ist, besteht aus insgesamt drei Geschichten, die von einer Rahmenhandlung zusammengehalten werden: Zwei Brüder, der eine Banker, der andere arbeitslos, gucken gemeinsam in die Glotze:

Die beiden „Couchsurfer“ sitzen im Wohnzimmer und schauen fern, ein Konflikt entspannt sich zwischen den beiden, ob da wirklich das echte Leben gezeigt wird. Der aufgeklärte Businessman schaltet immer wieder um und zeigt dem Reality-Fan verschiedene Sendungen, die über die Hintergründe von Reality-TV aufklären: So sehen die beiden Couchsurfer die Geschichte der Schülerin Theresa, die sich Geld bei einer Reality-Serie dazuverdienen will und dann genervt aufgibt. Sie sehen eine Reality-Kochshow, in der das perfekte Reality-Rezept gekocht wird und gehen mit den Reality-Detectives schließlich auf Spurensuche bei einer Cottbuser TV-Familie, um sich über die Bedingungen beim Reality-Dreh informieren zu lassen. Bald kann ich hier hoffentlich auch Ausschnitte aus dem fertigen Produkt zeigen.

Cottbus diskutiert über einen Galileo-Beitrag

Jedenfalls ist das mein erstes Medienkompetenzprojekt, das ich in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Angewandte Medienwissenschaften der BTU Cottbus und mit Förderung der Medienanstalt Berlin-Brandenburg durchgeführt habe. Am Mittwoch, 20. März 2013, präsentieren wir jetzt das Ergebnis der Workshop-Arbeit. Für alle, die in der Nähe sind:  Im siebten Stock des Informations-, Kommunikations- und Medienzentrums der BTU, von 18 bis 20 Uhr. Getränke und Salzstangen gratis.

Bei dieser Gelegenheit wollen Peter Klimczak und ich auch auf die aktuelle Diskussion um einen Galileo-Beitrag eingehen, bei dem Cottbus und die Lausitz nicht so gut wegkommen. In diesem Beitrag der sogenannten „Wissenschaftssendung“ arbeitet PRO 7 mit Stilmitteln, die aus dem Reality-TV bestens bekannt sind: Inszenierung, Dramatisierung, maximaler Kontrast und ein Narrationsmuster, das sich zwangsläufig an gut/schlecht-, bzw. schwarz/weiß-Kategorien orientiert.

Szene aus dem Galileo-Beitrag: Das namibische Au-Pair-Mädchen wird zu biertrinkenden Jugendlichen geschickt, die aber verständnisvoll reagieren.
Das namibische Au-Pair-Mädchen wird vom Kamerateam zu biertrinkenden Jugendlichen geschickt, die aber freundlich reagieren.

Ich bin gespannt, wie unser Workshop-Ergebnis am Mittwoch ankommt und berichte dann nochmal! In der Zwischenzeit freue ich mich auf den Abschluss und die feierliche Überreichung der Teilnahmebestätigungen an die 15 engagierten jungen Menschen.

* Mitten im Leben wird in der Wikipedia übrigens mit dem Zusatz „Pseudo-Doku“ geführt.

Verwendete Literatur

Götz, Maya et al. (2012): Wie Kinder und Jugendliche Familien im Brennpunkt verstehen. TelevIZIon, 25(1), S. 2-8.

Beck, Daniel/Hellmueller, Lea/Aeschbacher, Nina (2012): Factual Entertainment and Reality TV. In. Communication Research Trends.  31(2), S. 3-27.

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