Flugzeugabsturz bei Smolensk: „Katastrophe oder Attentat?“

Viele von Euch werden mit dem 10. April nichts Besonderes verbinden. Im Nachbarland Polen ist der 10. April seit drei Jahren als Tag der Katastrophe von Smoleńsk in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Zur Erinnerung: Am Morgen des 10. April 2010 stürzte die polnische Präsidentenmaschine, eine Tupolev Tu-154, beim Landeanflug auf den russischen Flughafen Smolensk in einen nahegelegenen Wald. Alle 96 Passagiere starben bei dieser Katastrophe. Für Polen ist das ein nationales Trauma. Vor allem, weil außer dem damaligen Präsidenten Lech Kaczynski und seiner Frau Maria fast die gesamte polnische Elite aus Kirche, Militär und Politik im Flugzeug saß. Und auch, weil diese polnische Elite eigentlich auf dem Weg zu einer Gedenkveranstaltung an die Opfer von Katyń waren. Dort wurden 1940 über 20.000 polnische Offiziere, Soldaten und Zivilisten von der roten Armee hingerichtet wurden. 

TV Republika: Neue polnische Medienwelt?

An diesem Mittwoch, dem dritten Jahrestag des Unglücks, haben viele Menschen in Polen Kerzen angezündet, an die Opfer gedacht oder auch – wie im Zentrum Warschaus – demonstriert. Ein interessanter Aspekt aus Mediensicht ist, dass seit diesem dritten Jahrestag des Unglücks von Smoleńsk ein neuer Fernsehsender in Warschau gestartet ist: Telewizja Republika. Einer der Redakteure, die dieses neue Fernsehen machen, ist Cezary Gmyz. Ich kenne ihn, weil er vor fast zehn Jahren ein Journalistenprogramm für junge, deutsche Journalisten auf die Beine gestellt hat, es heißt „Medientandem West-Ost“. Diesem Stipendienprogramm habe ich viel zu verdanken, gerade was die Einblicke in das Nachbarland angeht. In letzter Zeit ist Czarek (die Verniedlichungsform von Cezary, die in Polen gebräuchlich ist) als politischer und investigativer Journalist in Polen sehr bekannt geworden. Vor allem, nachdem er bei der konservativen Zeitung Rzeczpospolita wegen eines Artikels zum Unglück von Smoleńsk rausgeflogen ist. In dem Artikel ging es um Spuren von Sprengstoff, die angeblich am Wrack der polnischen Präsidentenmaschine gefunden wurden. Die polnische Öffentlichkeit werde darüber nicht wahrheitsgemäß informiert, so Gmyz.  Letzlich führte all das maßgeblich zum Aufkommen von Verschwörungstheorien, die eben in der Frage „Katastrofa czy zamach?“ – Katastrophe oder Attentat? – münden, die auch in einem Zusammenschnitt auf Telewizja Republika immer wieder gestellt wird. Aber das scheint Programm zu sein, bei einem Sender, der am 10. April, dem Tag des Unglücks von Smoleńsk, zu senden beginnt.

Screenshot vom Sendestart von Telewizja Republika: Cezary Gmyz (links) mit Moderator Michał Rachoń
Screenshot vom Sendestart von Telewizja Republika: Cezary Gmyz (links) mit Moderator Michał Rachoń

Sendestart mit Hindernissen

Zu diesen Verschwörungstheorien trägt allerdings auch bei, dass die Polen das Wrack der Regierungsmaschine immer noch nicht von den russischen Behörden übergeben bekommen haben. Ich gestehe, dass ich nicht alles verstehe, was gerade politisch und investigativ rund um die Smoleńsk-Tragödie in Polen berichtet wird. Aber aus kommunikations- und medienwissenschaftlicher Sicht ist es hochspannend: Gmyz und Co. bauen mit der Unterstützung sehr konservativer Kräfte und Politiker eine neues Spektrum an „unabhängigen Medien“, wie sie sie nennen, auf. In diesen Medien, zu denen die neue TV-Station, aber z.B. auch die Wochenzeitschrift „Do Rzeczy“ gehört, soll laut Selbstdarstellung jede Meinung ohne Zensur veröffentlicht werden können. Allerdings kreist wohl fast alles immer wieder um die Theorie eines möglichen Attentats in Smoleńsk.

Der Start des neuen Fernsehens wurde dann auch noch von einer weiteren Verschwörungstheorie begleitet: Die Journalisten mussten mit Notstromaggregaten senden, aus einem kleinen, improvisierten Studio, mitten in Warschau. Der Grund: Der Energieversorger RWE hatte wohl kurz vorher Probleme mit der Stromlieferung. Reißerisch vermuten die Journalisten „Eine Provokation?“ der Machthaber. Mit drei Ausrufezeichen! Der Sender wird übrigens – wenn ich es richtig verstanden habe – erst nur über das Internet gestreamt. Soll aber wohl bald auch über Kabel zu empfangen sein.

Provokation? Ohne Angabe von Gründen
Provokation? Ohne Angabe von Gründen hat uns das Kraftwerk die Stromversorgung am Sitz unserer TV-Station abgeschaltet!!!

Kochsendung mit Investigativ-Journalist Cezary Gmyz

Ich finde das alles jedenfalls interessant und beobachte das Geschehen weiterhin. Vielleicht spielt das Thema ja auch auf den Deutsch-Polnischen Medientagen im Juni in Wrocław eine Rolle. Und vielleicht kann ich bald ja mal mit Czarek über die ganze Entwicklung und seinen neuen Journalismus-Ansatz sprechen. Und über die polnische Küche. Denn Czarek wird laut Werbung der neuen TV-Station ab Mai eine Kochsendung auf Telewizja Republika machen.

Screenshot: Czareks neue Kochsendung "Kuchnia Polska"
Screenshot: Czareks neue Kochsendung „Kuchnia Polska“
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s