Ethik und Journalismus

Das ist mein erster Blogpost über Ethik & Journalismus, inspiriert von einem zwanzig Jahre alten Text, von zwei Workshop-Projekten und von einem beeindruckenden TED-Talk, den ich auf  YouTube gesehen habe. Diese Anregungen haben dazu geführt, dass ich meine Gedanken jetzt mal aufschreibe. Das Blog als Notizbuch. So lasse ich euch teilhaben an meinen Lese-Erfahrungen und meinen Ideen dazu. Wer bis zum Ende durchhält, wird mit dem wirklich tollen TED-Video von Carolyn Casey belohnt. So in etwa in sieben Minuten.

In diesem Sammelband erschien der Text über Menschenwürde und Medien im Jahr 1994
In diesem Sammelband erschien der Text über Menschenwürde und Medien im Jahr 1994

Vor kurzem habe ich ein Medienkompetenz-Projekt über Reality-TV abgeschlossen und im letzten Jahr zum ersten Mal ein Seminar zum Thema „Trauma & Journalismus“ organisiert. Vielleicht bin ich dadurch sensibler und offener geworden, für ethische Fragen in Medien und Journalismus. Bestimmt interessiere ich mich aber auch dafür, weil in meiner Zeit als aktiver Journalist meist kein Raum und keine Zeit für tiefergehende Reflexionen blieb, weil wichtige ethische Fragen im Tagesgeschäft untergehen. 

Hauptbeweggrund, das alles einmal aufzuschreiben, ist ein 20 Jahre alter Text, den ich gerade gelesen habe: Menschenwürde? Gewalt und Initmität als Unterhaltung von Wolfgang Huber. Das frappierende dabei: Seine Gedanken und Einschätzungen sind heute mindestens genauso gültig, die Einsichten und Forderungen vielleicht sogar noch dringender geworden.

Als Huber seinen Text schrieb war er Bischof der evangelischen Kirche in Berlin und Brandenburg und die privaten Fernsehsender in Deutschland gerade zehn Jahre alt. Trotzdem beschrieb Huber damals ziemlich gut die Auswirkungen und Gefahren von Reality-TV für die Zuschauer, für unsere Konstruktion von Wirklichkeit und die Auswirkungen auf die öffentlich-rechtlichen Sender, die sich auf den Konkurrenzkampf mit den privaten Sendern eingelassen haben und zu oft nur noch nach dem Prinzip der Zuschauermaximierung funktionieren.

Wolfgang Huber machte sich 1994 Gedanken über "Medien und Menschenwürde. (Foto:  2010, von DeFontanelle)
Wolfgang Huber machte sich 1994 Gedanken über „Medien und Menschenwürde“. (Foto: 2010, von DeFontanelle)

Warnungen vor Reality-TV schon 1994  

Der Höhenflug von Reality-TV hält mit Neuablegern wie der „Pseudo-Doku-Soap“ Köln 50667 und Formaten wie Familien im Brennpunkt weiter an; das aufmerksamkeitsökonomische Erfolgsmodell Realitätsfernsehen wird immer weiter ausgebaut. Laut einer Studie von Maya Götz und anderen glauben fast ein Drittel der jugendlichen Zuschauer, dass dort echte Fälle gezeigt werden (obwohl es scripted reality ist), trotzdem ist der Erfolg des Genres wohl vor allem mit der Befriedigung des Unterhaltungsbedürfnisses des Publikums zu erklären. Doch die Unterhaltung durch Reality-TV birgt gesellschaftliche Gefährdungen:

„Die Wirklichkeit wird zur Unterhaltung eingeschaltet; ausgeschaltet wird die Bereitschaft, diese Wirklichkeit verantwortlich mitzugestalten.“ (S. 186)

Allein schon durch die Zeit, in der Millionen von Menschen vor dem Fernseher sitzen und Reality-TV schauen, wird ein riesiges Potential für demokratische Teilhabe und das „verantwortliche Mitgestalten“ unserer Gesellschaft vergeudet. Und: Seit Huber das vor 20 Jahren geschrieben hat, sind es immer mehr von diesen Serien geworden, während die Wahlbeteiligung an Landtags- und Bundestagswahlen sowie die Mitgliedschaften in den politischen Parteien zurückgegangen sind. Allerdings sind mit den Social Media und neuen digitalen Partizipationsmöglichkeiten, wie der E-Petition, in letzter Zeit neue Mitmachmöglichkeiten entstanden. Davon konnte Huber 1994 noch nichts ahnen, aber so durchschlagend, wie man es sich wünschen könnte, sind die Einflussmöglichkeiten digitaler Partizipation auch nicht.

Wie viel Reality-TV steckt im TV-Journalismus?

Zurück zu Reality-TV und Journalismus. Viele narrative Elemente, wie zum Beispiel:

  • größtmögliche Kontraste, in Formaten wie Frauentausch oder Bauer sucht Frau gut zu besichtigen,
  • das altbekannte Spiel Gut vs. Böse
  • Überdramatisierungen durch Musikeinsatz, Schnitt, Geräusche
  • Unterstützende Effekte wie Blitze, Donnergroll-Wolken, Grafiken etc.
  • lokale und stereotype Verortung (Hartz-IV-Familie mit Bier auf dem Couchstisch, Nazis im Osten)
  • Inszenierungen vor Ort mit Requisiten, Regie-Anweisungen (auch von Journalisten!), Vorgaben
  • …siehe auch: Reality-Rezept von Agnetha Schurgast und Beate Lange.

werden im Reality-Fernsehen schon seit langem erfolgreich angewendet, um Zuschauer für das Geschehen auf dem Bildschirm zu interessieren. Das hat nach so vielen Jahren auch Wirkungen auf Sehgewohnheiten, auf gesellschaftliche Entwicklungen und die Auswahl von Vorbildern durch jugendliche Zuseher. Ein gesellschaftliches Klima, in dem der Starke als gut, der Schwache als schlecht gilt, verstärkt Formen des Journalismus und der Unterhaltung, in denen die Überlegenheit des Starken zur Schau getragen werden, so Huber:

„Es handelt sich um die Beschaffung von Bildern, die keine neuen Informationen mehr enthalten, sondern den Unerhaltungswert einer vorhandenen Information (…) erhöhen.“ (S. 188)

Hubers Überlegungen kann ich hier direkt auf den Journalismus übertragen. Wie oft habe ich in Redaktionen gehört, man solle versuchen, eine Geschichte „weiterzudrehen“! Das ist nicht immer ein schlechter Ansatz, aber es werden doch oft Aussagen, O-Töne oder Bilder, die nur einen vermeintlich neuen Aspekt des Sachverhalts enthalten, produziert und ausgestrahlt, ohne den Informationsgehalt des Ganzen wirklich qualitativ voranzubringen. Ich kenne es aus eigener Erfahrung, dass das journalistische Handeln nicht nur am Informationsinteresse der Öffentlichkeit, sondern – im Fernsehen speziell – am Bild und dessen Unterhaltungswert ausgerichtet wird: Oftmals werden kleinste Veränderungen einer Geschichte, z.B. ein weiterer O-Ton eines Augenzeugen oder eines Politikers als Anlass für eine erneute Berichterstattung genommen, durch die aber nichts substantiell Neues dazukommt. Teils werden solche Schnipsel auch als Anlass genommen, um Bilder einfach noch einmal zu zeigen, die schon einmal gemacht wurden. „Ach ja, da können wir dann die tollen Luftbilder von dem Unglück, nochmal zeigen“, heißt es dann. Auch wenn es um nächtliche Autounfälle geht, wird die Berichterstattung von den zugänglichen Bildern abhängig gemacht, die von darauf spezialisierten Blaulicht-Reportern Nacht für Nacht auf Deutschlands Landstraßen und Autobahnen gefilmt und an die Sender verkauft werden. Bildinhalt meist: Polizei, Feuerwehr, zerbeultes Auto, eventuell noch verteilte Ladung auf der Strasse. Was daran ist von öffentlichem Informationsinteresse?

Hubers Text im Sammelband "Öffentlichkeit und Kommunikationskultur"
Hubers Text im Sammelband „Öffentlichkeit und Kommunikationskultur“

Eigene unethische Erfahrungen

Ich habe sechs Jahre intensive Erfahrungen als Journalist von öffentlich-rechtlichen Medien gemacht. Aber erst jetzt, mit etwas Abstand, kommen mir viele kleine Situationen und Geschichten in den Kopf, in denen mir die ethische Grundorientierung fehlte und in denen „Schnelligkeit“ vor „Gewissen“ ging. Ein Satz, der mir in diesem Zusammenhang im Kopf geblieben ist: „Sendesicherheit ist das Wichtigste!“ Konkret bedeutete diese Aussage, dass ein Beitrag unbedingt für den mit der Redaktion verabredeten Zeitpunkt fertig zu sein hatte. „Lieber schnell etwas zusammenflicken, ehe die Sendung kollabiert“, dachte ich dann als Autor. Aber ich kann mich auch nicht an eine Sendung erinnern, die tatsächlich kollabierte, nur weil ein aktuelles Stück nicht fertig wurde. Zudem ist es Aufgabe des CvD dafür zu sorgen, dass der Sender trotz solcher Unsicherheiten kein Schwarzbild senden muss. Eigentlich sollte er den Druck vom Autoren nehmen und sagen: „Ich habe eine Variante B – schau lieber nochmal über die Bilder, ob das Opfer auch wirklich nicht entwürdigend dargestellt wird!“.

Ein zweites Problem im Zusammenhang mit der Zeit ist der immer kürzer werdende Sendeslot, der für ein Thema in der Berichterstattung  zur Verfügung steht. Eine weitere goldene Regel hieß: „Eins dreißig sind eins dreißig“, also dass man sich als Journalist unbedingt an die Zeitvorgaben zu halten hatte, sonst riskiert man Ärger mit dem Senderedakteur. Dass durch diese Restriktionen diskursive Elemente und persönliche Erfahrungen in den Berichten nicht mehr dargestellt werden können, liegt auf der Hand. Wobei aus anderthalb Minuten inzwischen übrigens schon 1.20″ als neues Standardmaß für Kurzbeiträge (z.B. in der Tagesschau) geworden sind.

Wie oft kann man sich, wie oft konnte ich mich selbst gegen solche Denkweisen und Mechanismen durchsetzen, lieber nochmal überlegen? Wie sehr war ich auch selbst gefangen in dieser Denkweise? Ich war es ziemlich oft und ziemlich durchgängig, kann ich heute sagen. Ich habe Beiträge über einen Zirkusmisthaufen gemacht, der gesellschaftlich völlig irrelevant war und den Konflikt zwischen einer Landbesitzerin und den Zirkusleuten dabei ausgenutzt. Ich bin für eine Nachrichtensendung zum Privathaus des Fussballclub-Präsidenten gefahren, weil es bei ihm am Abend zuvor beim Grillen zu Hause einen Stichflamme kleinen Brand gegeben hatte. Er hat mich – zu Recht – aus dem Badfenster angeschrien, dass er die Polizei hole, wenn ich nicht mit dem Kamerateam abhauen würde. Vielleicht wäre das mal ein eigener Artikel (Ethik & Journalismus II), in dem ich alle diese Situationen aufliste, an die ich mich noch erinnern kann. Ich kann mich (leider) an keine Situation erinnern, in der ich entschieden „NEIN“ gesagt habe, zu einem Auftrag, oder einem Bild. Ethische Überlegungen haben es unter Zeitdruck einfach schwer.

„Auch wenn die Ethik gegenüber der Macht der Medien in einer schwachen Position ist, können Nachdenklichere trotzdem nicht auf sie verzichten.“ (S. 192)

Vielleicht gehöre ich jetzt eher zu diesen Nachdenklicheren, vielleicht hätte ich heute eher den Mut, einmal „NEIN“ zu sagen. Auf jeden Fall habe ich durch die Erfahrungen als Journalismusforscher und -ausbilder jetzt klarer vor Augen, an welchen ethischen Grundpfeilern (Stichworte: Menschenwürde, Achtsamkeit, Selbstachtung und gewaltfreie Kommunikation) ich mich bei journalistischen Entscheidungen orientieren kann.

Hubers Rezept: Langsamkeit

Obwohl man in Texten wie dem von Huber eigentlich keine Patenrezepte erwartet, komm er doch tatsächlich mit einem Rezept für uns Journalisten um die Ecke:

„Ich kenne nur ein Rezept, das dem Gewissen ein wenig mehr Gehör in unseren Entscheidungen geben kann: Langsamkeit. Das Dilemma, vor dem der Tagesjournalismus steht, beschreibe ich deshalb als den Zwiespalt zwischen der Langsamkeit des Gewissens und der Schnelligkeit der Aktualität. Wo der Wettbewerb um Einschaltquoten und die Konkurrenz um Marktanteile an der Freizeit der Menschen zum alles bestimmenden Maßstab wird, siegt allzuoft die Schnelligkeit über die Langsamkeit oder eben: die Aktualität über das Gewissen.“ (Huber 1994: S. 194)

Hubers Horrorvision: Kultur der totalen Television

Bemerkenwert an Hubers Text finde ich auch, dass er ein Stück eingeübter Verantwortungslosigkeit in der täglichen journalistischen Praxis aufzeigt: Wie oft habe ich das von Chefs und Kollegen gehört: „Nicht ich als Journalist, sondern der Politiker, die Wissenschaftlerin sind doch selbst verantwortlich für das, was sie machen und letztlich sind die Mediennutzer doch verantwortlich dafür, was sie aus den Informationsbrocken machen, die ich ihnen vorwerfe!“ Das ist allerdings einfach. So einfach lässt sich nämlich Verantwortung wegdrücken. Aber:

„Nicht für das Handeln, über das sie berichten, wohl aber für ihr eigenes Handeln tragen Medienproduzenten die Verantwortung.“ (Huber 1994: S. 192)

Diese Verantwortung ist gerade in schwierigen Berichterstattungsbereichen und -situationen gefordert, bei denen auf jeden Fall gilt: Gewissen vor Schnelligkeit. Auf solche Situationen werden Journalisten doch meist nicht (richtig) vorbereitet und in den Redaktionen herrscht leider oft auch keine klare Kommunikation über Werte, über die Ethik der Bild-Berichterstattung. Welche Redaktion hat z.B. Regeln oder wenigstens eine offene Diskussion zu folgenden Berichterstattungssituationen vorzuweisen:

  • Berichterstattung über Selbstmorde
  • Berichterstattung über behinderte Menschen
  • Berichte über traumatisierte Menschen, Opfer von Gewaltverbrechen, Opfer menschengemachter und Natur-Katastrophen
  • Gerichtsberichterstattung bei Gewaltverbrechen
  • Wie sieht es erst bei neueren Entwicklungen aus, z.B. Recherche in sozialen Netzwerken, Umgang mit anonymen Quellen oder gar Live-Bilder aus einer fliegenden Drohne?

Fazit, zusammen mit Wolfgang Huber: Eine nur auf Schnelligkeit und Effekt bedachte,

„totale und unbeschränkte Kultur der Television (…) setzt die Bilder von Menschen an die Stelle ihrer Freiheit. Wichtig ist nicht, wer ich bin, sondern als wen mich andere sehen. Wichtig ist nicht, wer ich bin, sondern als wen ich mich zeige. Nicht mehr, wie Erich Fromm meinte ‚Haben oder Sein‘ sondern ‚Zeigen oder Sein‘ ist die große Alternative der Gegenwart.“ (Huber 1994: S. 195)

Maßstab für Medienhandeln: Die Menschenwürde

Huber hofft am Ende auf Medien, die Menschen in ihrer Verletzlichkeit nicht ausbeuten, sondern ihnen Schutz gewähren. Ein sehr bewegendes Plädoyer  für diese Haltung, die Medien manchmal vermissen lassen, gibt Carolyn Casey in ihrem TED-Talk aus dem Jahr 2011. Mich hat ihre Geschichte zu Tränen gerührt. Ihre Story hat primär nichts mit Medien zu tun – aber beim zweiten Nachdenken doch sehr viel. In ihrer Geschichte zeigt sich nachvollziehbar der Kern einer Medienethik, bei der die Frage der Menschlichkeit und der Menschenwürde die wichtigste Frage ist.

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2 Gedanken zu “Ethik und Journalismus

  1. Wenn man von einer Publikumsethik spricht, stellt sich zunächst die Frage, ob eine undefinierte Größe wie ein Publikum überhaupt als verantwortlich gelten kann. Dazu schreibt der amerikanische Kommunikationswissenschaftler Clifford Christians: „So wie das menschliche Überleben davon abhängt, dass wir die Natur schützen und bewahren, erfordert eine Ökologie der Kultur (zu der auch die Massenmedien gehören; Anm. d. Verf.) entsprechendes Verhalten im kulturellen Bereich.“(Christians:, 1989, 255).

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