Verantwortungsvoller Journalismus unter Extrembedingungen

Verantwortungsvolles und professionelles journalistisches Arbeiten ist ohne ein Hinterfragen der eigenen Rolle nicht möglich. Es geht in diesem Beruf schließlich jeden Tag um neue Situationen, Menschen, Themen, neue Herausforderungen und damit einhergehend um das Einnehmen ständig neuer Perspektiven und das Ausloten der eigenen Grenzen und Werte. Letztlich geht es um eine ständige Justierung von Nähe und Distanz. Nähe und Distanz zu den Gesprächspartnern, zum Thema, zu Institutionen, auch zur Redaktion. Wo journalistisches Handeln jedenfalls ohne ein solches Hinterfragen, ohne ethische Leitplanken geschieht, wird es verantwortungslos und kann unter Umständen sogar schaden.

Journalisten können mit Fragen Trauma hervorrufen

Unsensibler Journalismus kann Personen z.B. retraumatisieren, kann Ressentiments wecken und Gewalt hervorrufen, kann Personen, Gruppen, aber auch der demokratischen Öffentlichkeit insgesamt schaden. Auf der anderen Seite kann auch eine Journalistin oder ein Journalist durch das „Mit-Erleben“  des Traumas, z.B. eines Gesprächspartners, selbst traumatisiert werden (vgl. Interview mit Thomas Weber, unten). Man spricht dann von sekundärer Traumatisierung.  In solch angespannten Situationen hat man als Journalist eine doppelte, erhöhte Verantwortung für sein Gegenüber und für sich.

Gerade in Katastrophen-Lagen, wie z.B. Lovepararde, Eschede, aber auch beim „normalen“ Verkehrsunfall mit Toten und Verletzten, kommen Journalisten sehr schnell an ihre menschlichen Grenzen und in den Kernbereich journalistischer Ethik: Kann ich einen trauernden Angehörigen ansprechen? Welche Bilder eines Unfallortes soll ich in die Redaktion schicken? An welchen Standards können wir uns dann orientieren? Was sind unhintergehbare Letztorientierungen für solche Situationen? Wie reagiere ich, wenn ich selbst emotional be- oder überlastet bin? Für viele ist der redaktionelle Ernstfall (leider) auch das erste Mal für eine solche Situation. Deshalb sollte die Vorbereitung auf ethische und existenzielle Fragen in der Ausbildung größeren Raum einnehmen.

Für die electronic media school,* konzipiere ich zur Zeit einen zweitägigen Workshop zum Thema „Verantwortungsvoller Journalismus unter besonderer Berücksichtigung von Extremsituationen“. Dabei soll es viel Raum zur Diskussion eigener Erfahrungen geben und kleine Rollenspiele sowie ein größeres Szenario. Aus meiner Erfahrung mit ähnlichen Seminaren und Veranstaltungen sind solche gespielten Situationen ein sehr guter Weg, um sich solchen Situationen zumindest anzunähern. Wenn genügend Zeit zur Reflexion besteht, bringen solche Übungen aus meiner Sicht sehr viel und bewegen etwas bei den angehenden Journalisten. Am Rande eines Seminars mit dem Titel „Journalismus & Trauma“ im letzten Jahr habe ich mit dem erfahrenen Diplom-Psychologen Thomas Weber aus Köln gesprochen und ein paar Grundfragen zum Thema gestellt. Hier ist ein etwa siebenminütiger Zusammenschnitt des Gesprächs: 

Erstellung eines komplexen Katastrophen-Szenarios

Aktuell bin ich also damit beschäftigt, mehrere kleinere Situationen, in denen ethische Überlegungen zum Tragen kommen, auszuarbeiten. Richtig viel Arbeit ist allerdings das Szenario einer größeren Katastrophensituation, mit ca. 8-10 Rollenbeschreibungen und Arbeitsanweisungen für verschiedene Journalisten/innen. Mehr soll erst mal nicht verraten werden, aber wer damit schon mehr Erfahrung hat als ich, kann sich  gerne mit Tipps oder Kritik bei mir melden. Vielleicht ist ja auch schon mal was richtig schief gegangen oder unerwartet gut gelaufen…über Kommentare freue ich mich!

* Ich war Volontär im ersten Jahrgang der ems (2002/03).

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3 Gedanken zu “Verantwortungsvoller Journalismus unter Extrembedingungen

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