Will Remscheid keine Städtepartnerschaft mit Polen?

Remscheid hat rund 110.000 Einwohner und liegt im Bergischen Land, direkt neben Wuppertal und Solingen. Hier bin ich in den 90ern zur Schule gegangen, hier habe ich meine ersten journalistischen Schritte gemacht. In Remscheid hat sich seitdem viel verändert, aber eins ist noch so wie früher: Es gibt (noch) zwei konkurrierende regionale Tageszeitungen, den Remscheider General-Anzeiger (der allerdings 2012 an das Solinger Medienhaus Boll verkauft wurde) und die Bergische Morgenpost, ein Ableger der Rheinischen Post aus Düsseldorf . Ich bin zu Besuch bei meinen Eltern, die beide Zeitungen abonniert haben, damit jeder beim Frühstück ein eigenes Kreuzworträtsel lösen kann. Beim Blättern auf den Lokalseiten der Bergischen Morgenpost ist mir da was aufgefallen:

Jeden Tag eine lokale „Frage des Tages“

Es geht um ein eigentlich gutes Instrument der Leserbeteiligung und der demokratischen Willensbildung, es geht um die „Frage des Tages“, eine Umfrage zu aktuellen Themen in der Stadt. Am Dienstag, 27.8.2013, berichtete die BM in einem dreispaltigen Beitrag  über die Initiative des polnischen Kreises Mrągowo (Sensburg) zu einer offiziellen Partnerschaft mit Remscheid. Eigentlich eine schöne Sache. Und so berichtet der Autor darüber, dass die Stadtoberen einschließlich der Oberbürgermeisterin und die Mitglieder des Ältestenrats der Stadt grundsätzlich für eine Unterzeichnung einer Patenschaftsurkunde sind. Teilweise auch durch die alte Verbundenheit mit dem damaligen ostpreußischen Sensburg.

Dreispalter über die politisch angestrebte Partnerschaft mit Mrągowo. Am Ende des Textes: Hinweis auf die Umfrage
Dreispalter über die politisch angestrebte Partnerschaft mit Mrągowo. Am Ende des Textes: Hinweis auf die Umfrage

Am Ende dieses längeren Textes ist dann zu sehen, worauf ich hinaus will: Die Remscheider Redaktion der Bergischen Morgenpost machte an diesem Tag das Thema „Städtepartnerschaft“ zum Thema des Tages. Und formulierte folgende Frage an die Leser/innen:

Befürworten Sie eine Städtepartnerschaft mit Polen?

Ich war gespannt auf das Ergebnis, wo doch der Artikel eine positive Grundstimmung hatte. Am nächsten Tag dann die Auflösung: Zwei Drittel der Leser/innen, die bei der Umfrage mitgemacht hatten, sprachen sich gegen die Partnerschaft mit Polen aus:

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Das Ergebnis am nächsten Tag: Ein sattes „Nein“ zur polnischen Partnerschaft!

Unklar: Was sagt das Umfrage-Ergebnis aus?

Dieses Ergebnis hat mich dann doch zum Nachdenken gebracht. Sicher hätte ich mich persönlich über ein klares Ja zu dieser europäischen Partnerschaft gefreut. Aber ich akzeptiere selbstverständlich auch eine demokratische Abstimmung. Allerdings hat diese „Frage des Tages“ aus meiner Sicht einige Problemstellen:

1. Leider wird nie die Grundgesamtheit der Teilnehmenden angegeben. Es macht für die Meinungsbildung beim Leser und der Leserin schon einen Unterschied, ob sich 10 Menschen an der Umfrage beteiligen oder 1000 Menschen. Auch für die Redaktion ist das ein wichtiger Gradmesser für die Relevanz der gestellten Fragen.

2. Ich erfahre nur das Ergebnis ohne weitere Erläuterungen und Einordnungen. In diesem Fall stellt sich mir sofort die Frage: Warum kann man gegen eine Städtepartnerschaft sein? Welche Gründe gibt es für die Ablehnung? Bei diesem Thema, das politische und auch diplomatische Facetten hat, ist eine Folgeberichterstattung zur Umfrage unbedingt geboten! Die Redaktion hätte außerdem mit ihrer Frage ein eigenes Thema setzen können: Z.B. „Agiert die Politik in Sachen internationale Partnerschaften an der Bevölkerung vorbei?“

3. Die sehr einfache Ergebnisdarstellung kann nach der Veröffentlichung in die politisch-gesellschaftliche Diskussion als klar ablehnendes Votum eingebracht werden und die Debatte vergiften. Unter dem Motto: „Die Leute haben doch abgestimmt und gesagt, sie wollen das nicht!“. Diese Haltung kommt bestimmt im Kreis Mrągowo „gut“ an.

4. Die Fragestellung ist nicht präzise genug für das Thema. So wird hier auch generell über eine Städtepartnerschaft mit Polen abgestimmt. Das ist sprachlich nicht ganz korrekt. Einerseits geht es um eine Partnerschaft mit einem ganzen Landkreis und nicht mit einer Stadt, andererseits kann es gar keine Städtepartnerschaft mit (ganz) Polen geben. Wie das Votum wohl ausgefallen wäre, wenn die Frage so formuliert gewesen wäre: „Befürworten Sie eine Partnerschaft mit Sensburg (Mrągowo)?“ oder „Befürworten Sie die Initiative des polnischen Kreises Sensburg für eine Partnerschaft mit Remscheid?“?

5. Die Redaktion fügt bei jeder Ergebnisdarstellung den Zusatz „nicht repäsentativ“ hinzu. Doch ohne die oben geforderten Angaben zur Gesamtzahl der abgegebenen Stimmen bringt mich dieser Hinweis  nicht weiter.

In diesem besonderen Fall der Frage zu einer Annäherung zweier Kommunen in zwei europäischen Nachbarländern hat die ”Frage des Tages“ keinen guten Dienst geleistet. Generell ist eine Umfrage (Online oder per Telefon) als Meinungsbildungsinsrument und für die Lesereinbindung sehr zu begrüßen. Es bräuchte nur ein wenig mehr Transparenz über das Zustandekommen der Frage und des Ergebnisses! Der Remscheider Lokalredaktion habe ich das per Mail mitgeteilt und warte auf eine Antwort.

UPDATE, 10. September 2013: Acht Tage hatten die Journalistinnen und Journalisten der Bergischen Morgenpost Zeit, auf meine Mail zu reagieren. Bis heute haben sie nicht auf meine Fragen geantwortet. Große Hoffnungen mache ich mir also nicht mehr.  

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