Mike Walter: Wie ein Journalist 9/11 erlebte

„Wir sind zuallererst Menschen, danach erst Journalisten!“

Der TV-Journalist Michael Walter (58) war am 11. September vor zwölf Jahren Augenzeuge, als einer der entführten Jumbo-Jets ins Pentagon stürzte. Er entschied sich, dort zu bleiben und begann unmittelbar nach dem Einschlag vom Unglücksort zu berichten, damals war er Senior Correspondent für USA TODAY LIVE, ein TV-Ableger der auflagenstärksten amerikanischen Tageszeitung. Als Augenzeuge und Journalist wurde er auch von Kollegen im Minutentakt vor dem Pentagon interviewt, mit Trümmern und Rauch im Hintergrund. Nach den Anschlägen arbeitete er ohne Pause weiter, merkte aber, dass ihm die Verarbeitung der Katastrophe Probleme bereitete. Vor zwei Jahren hat Walter den Dokumentarfilm „breaking news – breaking down“ produziert, in dem es um Journalisten in traumatischen Situationen geht. Ein Interview, das ich im September 2011 mit Mike Walter geführt habe:

Mike Walter (r.) am 11. September 2001 vor dem Pentagon
Mike Walter (r.) am 11. September 2001 vor dem Pentagon. Foto: Bob Pugh

In Ihrem Film sieht man eine Szene von damals, in der Sie vor laufender Kamera anfangen zu weinen. 

Jedes Mal, als ich live on air ging, versuchte ich, meine Tränen zurückzuhalten. Dieses Interview, bei dem es passiert ist, hat ein guter Freund von mir geführt. Ich fühlte mich sicher und vergaß all meine Schutzmechanismen. Es war ein aufgezeichnetes Interview, aber es hat eine Menge Aufmerksamkeit bekommen, wurde oft wiederholt. Viele Kollegen hatten ein Problem damit und gesagt, dass man das nicht senden kann, aber ich sehe es genau anders herum und habe die Szene auch bewusst in meinen Dokumentarfilm genommen. Auch Journalisten sind Menschen, haben Emotionen. Wenn die Gefühle ehrlich sind, sollte man sie als Journalist auch zeigen dürfen.

Was können Journalisten aus 9/11 lernen?

Wir sollten mitfühlender, verständnisvoller sein. Ich denke, es hat aus mir einen besseren Journalisten gemacht in der Hinsicht, wie ich Fragen stelle und wie ich an jemanden herantrete, der ein traumatisches Erlebnis durchmacht. Ich denke, die Aggressivität, die wir als Reporter normalerweise haben – wenn Sie das mal von der anderen Seite erleben, wissen Sie, wie sich das anfühlt. Generell gesagt: Wir sind zu allererst Menschen, danach erst Journalisten!“

Wie kommen Sie mit der ganzen Berichterstattungs-Flut anlässlich des Gedenkens an 9/11 klar?

Am Tag von 9/11 habe ich zu meinem Kameramann gesagt: „Ich bin nur froh, dass dieser Tag vorbei ist“. Und er sagte: „Mike, dieser Tag wird nie vorbei sein für Dich. In unserem Business wird es immer Ein-, Fünf-, Zehnjahresrückblicke geben. Du wirst Dein ganzes Leben lang darüber reden!“ Und genau so ist es gekommen. Aber mit der Distanz nimmt auch der Schmerz ab. Ich hatte eine echt harte Zeit nach den Attacken, gerade am ersten Jahrestag. All die Bilder und Albträume kamen wieder und ich war voll von Angst. Aber mit der Zeit findest Du einen Weg, damit umzugehen und ich denke, der zehnte Jahrestag wird nicht so schwierig wie die anderen.

Können Sie beschreiben, wie Sie persönlich die traumatischen Erfahrungen von 9/11 beschäftigt haben?

Wissen Sie, unser Geschäft besteht aus Fragen: wer, was, wo, wann, warum und wie? Für mich war die einzige Frage, die nach 9/11 gezählt hat: Warum? Warum war ich da? Warum habe ich das gesehen? Warum habe ich so viele Probleme damit? Es war nur „warum, warum, warum?“ Und dann hat sich, über die Zeit von zehn Jahren, die Frage geändert, von warum zu wie? Wie kann ich diese Erfahrung in etwas Positives drehen? Das ist für mich eine Art Sinnsuche: Wie kann ich diesen Tag nehmen und was Gutes draus machen? Als ich meine Dokumentation über Journalisten und post-traumatische Belastungsstörungen machte, redete ich nicht nur über meine eigenen Probleme, sondern vor allem auch mit anderen Journalisten. Das hat geholfen und daran bin ich gewachsen.

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Das ganze Interview vom September 2011 als Skype-Mitschnitt hier (Englisch): 

Der Film von Mike Walter: www.breakingnewsbreakingdown.com

Geholfen hat Mike Walter auch ein Fellowship des „DART-Center für Journalismus und Trauma“, das eine Webseite mit umfangreichen Informationen über das Themengebiet anbietet: www.dartcenter.org/german

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