Kleines Update: Neue Herausforderungen als Medientrainer

Es war eine große Herausforderung für mich und eine Premiere: Für die 16 Volontäre der electronic media school in Potsdam sollte ich ein zweitägiges Workshopkonzept zum Thema „Ethik und Journalismus“ erarbeiten und umsetzen. Zwar habe ich mir inzwischen einen ganz guten Werkzeugkasten für Seminare zur „Einführung in die Recherche“ und „Online Recherche“ erarbeitet und auch in der Ausbildungspraxis ausprobiert. Aber „Ethik und Journalismus“ – das ist noch was Neues für mich, vor dem ich einigen Respekt habe. Ich hatte dieses Thema zwar immer als wichtig und unterrepräsentiert in der Journalistenausbildung empfunden, aber jetzt selbst einen ganzen Ausbildungsblock dazu machen…das ist schon was anderes! 

Verantwortungsvoll Handeln

Okay, nach einigem Hin-und-Her-Überlegen entschied ich mich erst mal dazu, das Ganze „Verantwortungsvoll journalistisch handeln“ zu nennen. Ich scheue mich davor, die Begriffe ethisch und Ethik so prominent vor mir her zu tragen, weil ich mich wirklich fundiert mit Ethik-Konzepten und philosophischen Positionen noch nicht beschäftigt habe. Anstatt einer tieferen Auseinandersetzung mit dem Thema Ethik wollte ich für die Volos lieber praktische journalistische (Entscheidungs-)Situationen durchspielen und jeweils mögliche Verhaltensweisen aufzeigen. Dann kann man ja diskutieren und bewerten, welche Handlungsoptionen mehr oder weniger „gut“ aus Sicht der Volos sind. Und das hat ja schon viel mit dem Aufstellen ethischer Leitlinien zu tun. Denn…

„… Ethik bewertet Verhältnisse, unter denen Menschen leben und handeln und entwirft Lehren vom guten Leben und Handeln.“

(nach Claus Eurich, 2006: Wege der Achtsamkeit. Über die Ethik der gewaltfreien Kommunikation)

Sich selbst in Entscheidungssituationen reflektieren

Dazu habe ich mir acht journalistische Situationen ausgedacht: Von der Essenseinladung beim Dreh in der Hotelküche (kommt garantiert irgendwann mal vor) bis zum Einschleusen einer Person (Ich als Journalist/in oder jemand Drittes?) in ein Unternehmen oder einen Kickbox-Club im Rahmen einer investigativen Recherche. Diese Aufgaben – so mein Gefühl – kamen gut an und haben auch zum Nachdenken angeregt. Teils gab es unterschiedliche Positionen, z.B. bei der Essenseinladung. Hier ist meine Präsentation, die ich am ersten Tag verwendet habe:

Extrembedingungen an Tag 2 des Workshops

Der Clou des Seminarkonzepts ist, dass am zweiten Tag die Bedingungen verschärft wurden: Da sollte dann der Aspekt „Journalismus und Trauma“ mit dazukommen. Das macht auch Sinn, weil die meisten Journalisten früher oder später mit einer belastenden Berichterstattungssituation konfrontiert werden, sei es ein Autounfall, Interviews mit Opfern von Gewaltverbrechen oder (Natur-)Katastrophen wie die Hochwasser im Sommer oder z.B. die Massenpanik bei der Loveparade. Hier konnte ich zum Glück auf meine Erfahrungen aus einem Seminar mit Prof. Dr. Claus Eurich und Tobias Schweigmann in Dortmund zurückgreifen. Ich habe (auch zum ersten Mal) eine Einführung in das Thema „Was ist überhaupt ein Trauma?“ gegeben und dann ein großes Szenario ausgegeben, bei dem die Volontärinnen und Volontäre verschiedene Rollen einnehmen mussten. Das Thema: „Bombenexplosion im Babelsberger Stadion“! Als Rollen gab es z.B. den Ordner, dessen Funkgerät irgendwie ausgefallen war, den jung-dynamischen Pressesprecher des Viertligisten Babelsberg 03, einen traumatisierten und verletzten Fan, einen pöbelnden Anhänger der gegnerischen Mannschaft und eine Frauengruppe mit einer Schwerverletzten. Zwischen diesen „Stationen“ mussten die anderen Volos hin und her laufen und als Journalisten ihre Arbeit für die fiktive Redaktion „BabelNews“ machen. Dazu gehörten Live-Tweets, Live-Radio-Schalten und Meldungen und Hintergründe für die Online-Seite.

Auch das hat gut geklappt. Vor allem das große Szenario am zweiten Tag wurde im kurzen Feedback ziemlich gut besprochen. Vor allem diejenigen, die eine andere als die journalistische Rolle spielten, sagten, dass sie dadurch eine neue Sicht auf die Wirkung von Journalisten auf andere Menschen bekommen haben. Ein bisschen feilen kann man sicher noch. Z.B. wurde der Wunsch nach mehr Video-Beispielen für Interviews mit Traumatisierten geäußert. Das kann ich sicherlich noch einbauen. Während die Journalisten innerhalb des Szenarios ihre Beiträge unter Zeitdruck produzieren mussten, hat der andere Teil der Gruppe als Resumee der beiden Tage eine „ems-Ethik-Kodex“ für verantwortungsvolles journalistisches Handeln aufgestellt, der am Ende durch alle bestätigt wurde. Diesen Katalog will ich hier gerne dokumentieren, die Teilnehmer haben absichtsvoll die Ich-Form gewählt, damit es sie persönlich anspricht und gleich auf ihre eigene Verantwortung für ihr journalistisches Handeln hinweist. Noch kurz zu Punkt 1 „Ich bin verantwortlich…“: Die Punkte dahinter stehen für die unterschiedlichen Beziehungen, in denen ein Journalist/eine Journalistin bei seiner/ihrer Arbeit steht: Verantwortung gegenüber der Quelle, der Redaktion, der Öffentlichkeit, der Gesellschaft (dem Gebührenzahler) und sich selbst gegenüber. Der Rest erklärt sich selbst:

ems_Gebote

Falls ihr diesen Blogpost lest und selbst Erfahrungen in diesem Bereich habt oder andere Seminarkonzepte vorstellen wollt, freue ich mich sehr auf Kommentare. Ich fühle mich bei diesem Thema noch ziemlich am Anfang und war jetzt erst einmal sehr glücklich, dass alles ganz gut aufgegangen ist.

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3 Gedanken zu “Kleines Update: Neue Herausforderungen als Medientrainer

  1. Klingt großartig, was du dort auf die Beine gestellt hast Max! Besonders den Part mit der Selbstreflexion in Entscheidungssituationen finde ich spannend, da diese Kompetenz im journalistischen Alltag denke ich nicht genügend ausgeprägt ist… Habe mich in meinem Studium selbst mit den Bereichen Medienethik und Medienphilosophie auseinander gesetzt und kann dir gerne ein paar Bücher empfehlen, falls du noch ein paar Anregungen für den nächsten Workshop benötigst?! Zum Beispiel:
    Hermann Boventer (1984) „Ethik des Journalismus. Zur Philosophie der Medienkultur“ Rüdiger Funiok, Udo F. Schmälzle, Christoph H. Werth (1999) „Medienethik – die Frage der Verantwortung“ oder
    Michael Haller, Helmut Holzhey (1992) „Medien-Ethik. Beschreibungen, Analysen, Konzepte für den deutschsprachigen Journalismus“.
    Sind zwar alles Werke älteren Datums, aber nicht weniger hilfreich. Besonders, wenn du vielleicht auch Aspekte wie journalistische Wirklichkeitskonstruktion, Agendasetting Function oder den Negativismus in den Massenmedien mit in deine Workshops einbringen oder zumindest mal anreißen möchtest!

    1. Vielen Dank, J. Walker! Auch für die Literaturtipps. Für einen Volo-Workshop sind tiefere, akademische Ausführungen immer etwas sperrig. Aber Deine Hinweise bringen mich auf die Idee, vielleicht mal eine Liste zum Thema hier im MaxMedienBlog aufzubauen, inkl. Deiner Vorschläge natürlich. Ganz praxistauglich ist z.B. auch die Broschüre „Werte und Orientierungen für Journalistinnen und Journalisten“ des Netzwerks Recherche, als PDF gratis hier: http://www.netzwerkrecherche.de/files/nr-werkstatt-15-werte-orientierungen.pdf
      Ich hoffe ja, dass im Praxis4-Volo auch ein entsprechender Ausbildungsteil geplant ist! ;-)

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