„Die Nationalsozialisten“

Es ist 75 Jahre her, als in fast allen deutschen Städten Geschäfte und Synagogen in Brand gesteckt wurden. Es ist genau 75 Jahre her, als Türen und Fenster von Gotteshäusern und Läden beschmiert, eingeworfen, beschädigt wurden. Gleichzeitig gibt es noch ein anderes historisches Datum, dass mit dem 9. November verknüpft ist, der 9.11.1989 – der Tag, als die Mauer fiel. Die Medien berichten an diesem Tag natürlich über beide Daten und gedenken beiden Geschehnissen, zu Recht. An diesem 75. Gedenktag an die Pogrome gegen jüdische Bürger und ihre Einrichtungen überwiegt wohl die Berichterstattung über die Pogrome. Und ich will hier auch auf eine Sache eingehen, die mit diesem Datum zu tun hat und die mir gerade wieder beim Sehen der Tagesschau in den Sinn gekommen ist: Immer, wenn es um Gedenken an die Zeit zwischen 1939 und 1945 geht benutzen Autoren, Moderatoren, Reporterinnen die Phrase „Nationalsozialisten hatten in der Nacht vom neunten auf den zehnten November 1938…“ (Tagesschau vom 9.11.2013). Auch bei Auftritten und Taten von Neonazis, Sympathisanten oder rassistischen Menschen unserer Zeit in Deutschland, heißt es oft „Die Nazis…“. Warum schreibe ich das?

Auch heute wieder die Formulierung "Nationalsozialisten hatten..."
Auch heute wieder die Formulierung „Nationalsozialisten hatten…“

Meiner Meinung nach steckt in dieser Formulierung auch eine Distanzierung. Es waren eben „die Nazis“ oder „die Nationalsozialisten“. Aber nicht wir, nicht alle Deutschen. Diese Formulierungen klingt für mich so, als ob ein Raumschiff mit „Nationalsozialisten“ auf die Erde kam, in Deutschland landete und kleine braune Männchen dann die Synagogen anzündeten. Die Formulierung „die Nazis“ klingt so, als ob es keine Bürger, keine Deutschen waren, die für alle diese Gräueltaten verantwortlich sind, sondern eben nur diese hässlichen „Nationalsozialisten“. Aber was hätte ich am 9.11.1938 gemacht? Diese Distanzierung blendet meiner Meinung nach aus, dass die Pogrome gegen die jüdischen Mitmenschen auch durch das Wegschauen (und Mitmachen) vieler „ganz normaler“ Deutscher möglich war. Wer sagt denn, dass es nur „Nationalsozialisten“ waren? Und wie genau definiert man einen Nationalsozialisten am 9.11.1938? NSDAP-Parteibuch? SA-Mitglied? Sympathisant? Volljährig? Frau? Mann? Deutscher Pass? Ich wüßte es nicht, wer genau diese „Nationalsozialsten“ sind, die am 9.11.1938 auf der Straße ihr Unwesen trieben.

In dem Tagesschau-Bericht heute von Susanne Gugel sagt ein Zeitzeuge, Michael Blumenthal, dass dies die schlimmste Erfahrung war: Dass die Barbarei möglich war, weil Unbeteiligte auf den Straßen zuschauten, es passieren ließen.* Wer sagt denn, dass nicht auch ein unpolitischer (aber antisemitischer oder auch nur besoffener) Mensch damals Steine gegen Schaufenster geworfen hat? Ich finde diese Formulierungen immer etwas schwierig. Auch, weil sie das ganze so weit weg rückt. Es waren damals eben die „Nationalsozialisten“, die da über uns gekommen sind. Wie das nur passieren konnte? Es kann passieren, weil es eben viele Sympathisanten, Weggucker und „Mir-ist-das-egal“-Typen gibt. Heute auch.

Okay, ich weiß aber auch, dass eine bessere Formulierung für diese wichtigen Gedenktage schwer zu finden ist und wahrscheinlich mehr Sprechzeit kosten würde. Z.B. „Am 9. November 1938 haben Menschen, angeheizt von der nationalsozialistischen Propaganda Synagogen angezündet und Schaufenster eingeschlagen…“. Nur ein Beispiel, ohne wirklich lange zu überlegen. Was denkt ihr? Zu kritisch?

P.S.: Was mich irgendwie auch nachdenklich macht, ist der Fakt, dass die ARD am 9.11. in diesem Jahr den Film Rommel zur Prime Time bringt. Und das, nach Auskunft der ARD nicht als aktuelle Reaktion auf den Tod von Manfred Rommel, sondern lange und sorgfältig geplant (und im ZDF kommt Wetten Dass…?).

*Leider sagt in diesem Tagesschau-Beitrag auch ein kleiner Junge, der zuvor Stolpersteine putzte: „Ich kann mir das nicht vorstellen. Das war so stark, da wurden einfach Läden zerstört.“ In diesem Ausschnitt liegt die Einladung zur Zweideutigkeit. Ich finde, dieser Junge hätte es verdient, länger zu Wort zu kommen, dann wäre seine Aussage wahrscheinlich verständlicher gewesen und nicht im Bereich der Zweideutigkeit hängen geblieben. So fängt man an nachzudenken: Wie mein er das, wenn er sagt: „es war stark“? Aber das ist ein weiteres Thema. Das alles zeigt aber auch, dass es eine journalistische Herausforderung ist, über diese wichtigen, historischen Themen aktuell (und meist unter Zeitdruck) zu berichten.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s