Trauma, Trauer, Traurigkeit

Buchbesprechung „Trauer und Trauma“ von Hanne Shah und Thomas Weber. Kröning, Asanger Verlag, 164 Seiten, 19,80 €.* Eine kürzere Version der Rezension findest Du im Blog Mutterschiff der electronic media school Potsdam-Babelsberg.

Diese drei „T’s“ bilden das Leitmotiv der 164 Seiten und über diese drei „T’s“ erfahren die Leser eine Menge in diesem Buch. Im alltäglichen Umgang mit Menschen, die  traurig sind, trauern oder traumatisiert sind, wird oft nicht differenziert. Shah und Weber plädieren entschieden für eine differenzierte Sichtweise: Trauer ist ein Zustand, der lange anhalten kann, nicht nur ein Gefühl der Traurigkeit. Traurigkeit wird aber, so die Autoren, oft mit Trauer gleichgestellt, was zu Ungerechtigkeiten und Mißverständnissen führt. „Manche Traurigkeit wird damit überbewertet, die Tragweite von Trauer und die Auswirkungen durch den Tod in der Kernfamilie nicht erkannt“. Und wo verläuft die Trennlinie zur von tiefer Trauer zur Traumatisierung? Schwierige Fragen, aber wer das Buch liest, erfährt darüber einiges.

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Buchcover von „Trauer und Trauma“. Foto: Screenshot

Diese Buchbesprechung richtet sich vor allem an diejenigen Journalisten und Medienschaffenden, die Interesse an dem Thema haben, sich bisher aber noch nicht eingehend damit beschäftigt haben. Einige Abschnitte des Buches beziehen sich auch direkt auf den medialen Umgang mit und die Darstellung von Betroffenen. Shah/Weber vermeiden übrigens das stigmatisierende Wort „Opfer“ – was auch für die Medienberichterstattung bedenswert wäre.

Das Besondere des Buches

Den Leser erwartet eine intensive, auf persönlichen Erfahrungen basierende Auseinandersetzung mit kleinen und großen Katastrophen, die jeden von uns im Leben treffen können: Vom Autounfall über den Suizid eines Familienangehörigen bis zu Großschadensereignissen, wie dem Loveparade-Desaster in Duisburg. Der Text zeichnet sich durch eine Doppelperspektive von Betroffenen und Helfern aus und lebt von eindrücklichen Beispielen, die den Leser in Ausnahmesituationen mitnehmen, die wir im Alltagsleben eigentlich lieber verdrängen. Deshalb ist es nicht unbedingt ein Buch für die Strandliege. Es regt an, es regt teilweise auf und erfordert eine gewisse Bereitschaft, in die Abgründe des Menschlichen hineinschauen zu wollen. Während der Lektüre merkte ich z.B., dass mich Gedankengänge aus dem Buch auch in der Freizeit einholten und mein Kopf immer wieder zu den drei „T’s“ abschweifte. „Das Leben ist Leiden mit Momenten des Glücks“ – dieses russische Sprichwort zitieren die Autoren im zweiten Teil ihres Buches. Es beschreibt vielleicht ganz gut die Grundstimmung dieses Werks, das ja eher die leidvollen Momente unseres Lebens in den Blick nimmt. Dabei ist es in zwei Hauptteile gegliedert: In der ersten Hälfte des Buches geht es um die ersten Stunden und Tage nach dem Verlust eines Menschen oder nach einer Katastrophe. Der zweite, umfangreichere Teil, bezieht sich auf die Wochen, Monate und Jahre danach. Hier werden auch kulturelle Mechanismen der Trauerarbeit und Reaktionen der Gesellschaft auf Schicksalsschläge angesprochen. Die Perspektive wird in Teil zwei breiter.

Hanne Shah und Thomas Weber haben selbst jahrelange Erfahrung in der psychologischen Nachsorge von Traumatisierten und in der Begleitung von Trauernden  nach Todesfällen, Katastrophen und Krisen. Sie lernten sich vor fünf Jahren kennen, als sie zur Betreuung von Hinterbliebenen und Betroffenen des Amoklaufs nach Winnenden gerufen wurden. Thomas Weber war als Diplom-Psychologe für die Nachbetreuung der Traumatisierten in die schwäbische Kleinstadt gekommen, Hanne Shah wurde als Vorsitzende des Arbeitskreises trauernde Eltern und Geschwister e.V. Baden-Württemberg  zur Unterstützung angefordert. Damals entstand die Idee zu diesem Buch. Die Ausgangslage war die von ihnen selbst immer wieder erlebte „doppelte Hilflosigkeit“ von Betroffenen und Helfern.

Dialogisches Storytelling

Die Autoren sind sich bewusst, dass es bereits „viele gute Fachbücher über Trauma, Traumatheorien und Therapien“ (S. 15) gibt. Genau deshalb haben sie nicht noch ein weiteres Fachbuch geschrieben. Ihr Werk hebt sich wohltuend ab durch das dialogische Konzept, für das sich die Autoren entschieden haben. So beginnt das Buch mit einem inneren Gedankenstrom eines Psychologen (Weber) kurz vor dem Erstkontakt mit einer von einem schweren Schicksalsschlag getroffenen Frau und den korrespondierenden Gedanken der Mutter (Shah), die ihre Tochter verloren hat. Solche Gedankensplitter finden sich immer wieder im Buch. Diese Art des Storytelling trägt maßgeblich dazu bei, dass ich mich als Leser gut in die Situationen hineinversetzen und mitfühlen kann. Das Interessante und Neue an diesem Buch ist also die Art der Darstellung, als Zwiegespräch, als Dialog der Perspektiven von Helfern und von Betroffenen. Hanne Shah und Thomas Weber wollen eine Wand einreißen, die sonst zwischen den Trauernden und ihrem Gegenüber steht.

Die Autoren verzichten auf komplizierte Fachtermini und Fußnoten. Stattdessen setzen sie auf gute Lesbarkeit und Wiederholungen von wichtigen Punkten. Zusätzlich zu den immer wiederkehrenden inneren Gedankenströmen sind viele Zitate aus Büchern, z.B. von Holocaust-Überlebenden wie Victor Frankl oder Ruth Klüger eingestreut. Für meinen Geschmack wird das ein bisschen übertrieben. Mir sind die Zitate teilweise zu lang (sie gehen oft fast über eine ganze Seite) und sind manchmal irritierend unkonkret referenziert. So steht da auf Seite 72 unter einem längeren Zitat von Victor Frankl nur „aus einem Buch“.

Am Ende des Buches steht ein langes Zitat des us-amerikanischen Informatik-Professors Randy Pausch, der 2008 mit 48 Jahren an den Folgen von Bauchspeicheldrüsenkrebs starb. Die Autoren geben hier das letzte Wort aus ihren Händen. Vielleicht ist das absichtsvoll geschehen, vielleicht wollten sie die Worte einem anderen überlassen und so zum  Zuhören – eine der wichtigsten Tätigkeiten im Umgang mit Betroffenen, wie wir im Buch lernen – animieren. Andererseits geben sie so die Möglichkeit aus der Hand, selbst den Schlusspunkt zu setzen und ihre Message nochmal pointiert rüberzubringen.

Und weil ich gerade bei den kleinen Kritikpunkten bin: Mir waren die Wiederholungen manchmal ein bisschen zu viel: So wird die Tatsache, dass Helfer für die Opfer Teil der Katastrophe werden in kurzen Abständen im ersten Teil für meinen Geschmack zu oft dargelegt; genauso geht es mir mit dem Unterstreichen des Umstands, dass Betroffene in der Akutsituation „nackt“ und hilflos sind. Das habe ich in kurzer Zeit hintereinander ein paar Mal gelesen. Aber damit ist die „Abteilung Kritik“ auch schon geschlossen.

Was können Medienschaffende lernen?

Sehr deutlich machen die Autoren, dass Sprache gerade dann machtvoll ist und verletzen kann, wenn Menschen hilflos sind. Das hat direkte Folgen für das Zugehen auf betroffene Augenzeugen: „Ganz langsam sprechen, sonst hyperventiliert sie“, denkt der Psychologe kurz vor dem Kontakt mit der trauernden Mutter am Anfang des Buches. Eine unsensible Ansprache von destabilisierten Menschen kann direkte körperliche Folgen haben. Das sollten auch Journalisten, Aufnahmeleiterinnen und Producer, die in solchen Situationen arbeiten, wissen. Werden Interview- oder Gesprächspartner überrumpelt, so haben sie das Gefühl, wiederholt ohnmächtig zu sein. Das kann sich zusätzlich traumatisch auswirken.

In der medialen Berichterstattung machen Shah/Weber einen inflationären Gebrauch der Begriffe „Trauma“„Traumatisierung“ und „Opfer“ (S. 18) aus. Medien und Gesellschaft pathologisieren so das Verhalten nach schlimmen Ereignissen. Dabei ist ein psychologisches Trauma eine ganz natürliche Reaktion der Menschen auf ein nicht-natürliches Ereignis. Es ist ein Schutzmechanismus des Organismus und im Regelfall klingt es nach ein paar Wochen wieder ab und das Geschehen kann in das weitere Leben integriert werden. Doch die Schnelligkeit der digitalisierten Medienwelt bringt weitere Problematiken mit sich: Betroffenen bleibt eben keine Zeit zum Nachdenken, sie werden an die Öffentlichkeit gezerrt, ob sie wollen oder nicht. Als Grund dafür identifizieren die Autoren die Sensationslust der Medien und die Gier nach Augenzeugenberichten. Manchmal ist noch nicht mal Zeit, sich vor der Live-Schalte oder dem Interview mit dem Augenzeugen wirklich auszutauschen. Aber: „Tragische Meldungen, das sichtbare Leid der Betroffenen bringen höhere Einschaltquoten als sachliche Hintergrundreportagen.“, schreiben Shah/Weber medienkritisch auf Seite 83.

Die Autoren vergessen aber auch nicht, auf die positiven Wirkungen einer freien Berichterstattung, gerade über Massaker und Gräueltaten, hinzuweisen. Allerdings wäre es aus ihrer Erfahrung manchmal nötig, nicht nur Psychologen oder Notfallseelsorger an die Seite von Betroffenen zu stellen, sondern auch noch einen erfahrenen Medienmanager. Der Abschnitt danach handelt dann vom Wunsch Betroffener, sich mitzuteilen. Auch den kann es geben und das Mitteilen kann auch therapeutisch wirken, wie das Beispiel eines Vaters aus Winnenden zeigt, der seinen Sohn durch den Amoklauf verloren hat und die täterzentrierte Berichterstattung der Medien leid war. Also entschied er sich, selbst Interviews zu geben und auf die Perspektive derjenigen aufmerksam zu machen, die jetzt unter den gravierenden Folgen leiden. So zeigen die Autoren wiederum, dass kein Betroffener wie ein anderer reagiert und deshalb jeder Einzelfall als solcher behandelt und betrachtet werden muss.

Schonungsloses Aufzeigen der Fehler von professionellen Helfern

Erschreckend war für mich der zweite Teil des Buches, in dem ziemlich schonungslos aufgezeigt wird, was auch von Professionellen Helfern (Psychologen, Pfarrern, Ersthelfern, Polizisten, …) falsch gemacht werden kann. Und wie leicht man in Fettnäpfchen treten kann, auch als Journalist. Zum Beispiel bringt die vielleicht gut gemeinte Floskel „Alles wird gut“ überhaupt nichts in einer Situation, in der überhaupt nichts gut ist. Oder die Tendenz, dass man Angehörigen eines Verstorbenen Lügen auftischt, um sie zu schonen. Das Wissen-Wollen der Betroffenen bzw. der Angehörigen stößt oft auf Unverständnis, wird sogar als nervig empfunden. Aber, so insistieren Shah/Weber, es ist der erste Schritt zum Verstehen des Geschehenen und zur Verarbeitung. Weiter gedacht rechtfertigt das auch die aufklärende, sensible Berichterstattung in Katastrophenfällen durch Medien: Angehörige wollen wissen, wie ihr Sohn, ihre Tochter ums Leben gekommen ist, so die Autoren. Diesen Wunsch sollte man respektieren. Man sollte den Betroffenen also gut zuhören, anstatt gut gemeinte Ratschläge zu geben, die die Situation auch noch verschlimmern können. In diese Kategorie fällt dann auch die von Journalisten so gern gestellte Frage „Wie fühlen Sie sich jetzt?“.

Helfer, Journalisten oder Mitmenschen, die sich Betroffenen nähern, können einiges falsch machen und den Verarbeitungsprozess des traumatisierten oder trauernden Menschen stören. Dieser Verarbeitungsprozess, das ist auch ein wichtiger Lerneffekt nach der Lektüre, kann von sehr unterschiedlicher Dauer sein. Manchmal ist er auch mit einer kreativ-aktiven Auseinandersetzung mit dem Geschehen verbunden. Als Beispiel führen die Autoren die Bildhauerin Käthe Kollwitz an, die 18 Jahre lang an ihrer Skulptur „Trauernde Eltern“ arbeitete, die an ihren im ersten Weltkrieg gefallenen Sohn erinnert.

Verhalten – Aushalten – Haltung

Anhand von zahlreichen eingängigen Beispielen zeigen die Autoren die besondere Situation auf, die alle Menschen in belastenden, krisenhaften Lagen beeinflusst. Leser, die sich nicht bereits professionell mit diesen Themen auseinandersetzen, können teils schockierende Einblicke in die Welt der Trauer, Traurigkeit und des Traumas bekommen. So erhält man Einblicke in die Arbeit von Kindertrauergruppen (S. 108) oder in die Lage eines Sohnes, der erst 30 Jahre nach dem Suizid seiner Mutter darüber reden kann. Die Mutter hatte ihn am Todestag noch bevor er zur Schule ging gefragt, ob er auch ohne sie klar komme. „Ja“, antwortete er. Als er zurückkam, hatte sie sich erhängt. Es sind diese Beispiele, die das Buch so wertvoll, aber auch drastisch machen. Die meisten Beispiele handeln vom Verlust eines Kindes, was sicher auch mit der Herkunft und Erfahrung der Mitautorin zu tun hat.

Keine Checklisten, sondern Haltung

Die Autoren wollen eine Grundhaltung vermitteln, die sich in den Schlagworten  „Aushalten“ und „Zeit haben“ zusammenfassen lässt. Jedes Buch und jede Vorbereitung können zwar den Praxisschock nicht verhindern. Aber es ist sicherlich empfehlenswert, sich mit solchen Ausnahmesituationen einmal zu beschäftigen. Denn sie können jederzeit auftreten. Sehr ehrlich und klar finde ich den Text dort, wo die Autoren entschieden Binsenweisheiten und altbekannten Sprüchen widersprechen: „Kinder vergessen ja schnell“, schreiben sie zum Beispiel, um dann ganz bestimmt: „Nein, stimmt nicht!“ zu sagen. So räumen die Autoren mit Volksweisheiten und Pseudo-Wissen auf. Auch der Fakt, dass sie sich am Ende gegen eine Liste von Tipps aussprechen, zu der man sich als Autor nur allzu leicht verführen lässt, ist folgerichtig und dem Thema völlig angemessen, da es hier keine allgemein gültigen Regeln geben kann. Außer der, den Betroffenen mit Offenheit und Respekt zu begegnen.

Fazit: Das Buch ist ein eindrucksvoller Einstieg in Thematik und es eignet sich für interessierte aus dem Medienbereich besser als ein wissenschaftliches Fachbuch, um für die eigene Arbeit Konsequenzen zu ziehen.

Update: Eine sehr persönliche Rezension einer Mutter, die ihren Sohn verlor, findet sich auf der Gedenkseite für Patrick Schuster.

Co-Autor Thomas Weber kenne ich seit der Organisation eines gemeinsamen Seminars für Journalistik-Studierende zum Thema „Journalismus & Trauma“ im Jahr 2012. Für MaxMedienBlog habe ich ihn zu diesem Thema auch schon interviewt. Sein aktuelles Buch, das er zusammen mit Hanne Shah geschrieben hat, stellt mir der Verlag kostenlos zur Verfügung.
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