Wajdas Kanal und Rudis Tagebuch

"Strokrotka" und "Korab" vor dem verschlossenen Kanalausgang (Teresa Iżewska, Tadeusz Janczar)
Keine Rettung: „Strokrotka“ und „Korab“ vor dem verschlossenen Kanalausgang (Teresa Iżewska, Tadeusz Janczar|Screenshot „Der Kanal“)

Auch Rudi Dutschke hat den Film gesehen und war zumindest so beeindruckt, dass er ihm einen Tagebucheintrag widmete: Es geht um Der Kanal (1956) von Regisseur Andrzej Wajda. Zufällig habe ich gerade die Tagebücher (1963-1979) von Rudi Dutschke gelesen und bin über dieses Detail gestolpert, weil ich mich Anfang dieses Jahres intensiv mit diesem polnischen Filmklassiker beschäftigt habe, für einen Buchbeitrag (kommt im Oktober 2014 raus, PDF-Download weiter unten). Weil sich dieses Jahr der Warschauer Aufstand gegen die deutschen Besatzer zum 70. Mal jährt und angestoßen durch Rudis Tagebucheintrag, stelle ich mein Manuskript als PDF-Download am Ende des Textes zur Verfügung. Rudi war zum Zeitpunkt des Kinobesuchs 23 Jahre alt.

Rudi Dutschkes Tagebücher 1963-1979 sind im Jahr 2003 erschienen
Die Tagebücher sind im Jahr 2003 erschienen, herausgegeben von Gretchen Dutschke-Klotz

Im Film sah ich den Menschen (…) wie er im allergrößten Schmutz u. Morast Mensch blieb, schon durch seine Bewußtheit; sah Menschenkinder meines Alters u. noch jünger, sah sie kämpfen für die Freiheit ihres Vaterlandes, töten für ihre Heimat, sterben für das Vaterland – Polen starben, Deutsche starben; indem die Polen dies vollzogen, vollzogen sie den Tribut an die historische Notwendigkeit des Sieges über den Faschismus; die deu. Soldaten, die auch für das Vaterland starben, so glaubten sie wenigstens, hatten nie eine wirkliche Chance – der Weltgeist, nach Hegel, tobte sich mit Hilfe der ‚List der Vernunft‘ wieder einmal richtig aus und kam zum Bewußtsein seiner selbst – die Möglichkeit der großen Wandlung auf dieser von Gott für uns geschaffenen Welt lag in der Hand einiger ‚weltgeschichtlicher Individuen’– sie versagten u. versagen heute noch (…).

 

Der polnische Regisseur Andrzej Wajda ist mit diesem Film Ende der 1950er Jahre international bekannt geworden, er gewann eine silberne Palme auf dem Filmfestival in Cannes 1957.

Auch wenn ich nicht mit einer so umfassenden Interpretation (Hegels Weltgeist!) dienen kann, so hat mich dieser Film persönlich sehr berührt: Ich sah ihn 2007 zum ersten Mal in Wrocław (Breslau), im Gemeinschaftsraum einer Unterkunft für internationale Studenten, zusammen mit vielen jungen Menschen aus der Ukraine, Kroatien, Frankreich, aus der Schweiz, aus Russland und Brasilien . Wir sahen die polnische Originalversion, denn schließlich waren wir alle zum Polnischlernen dort. 

Mein Kanal-Erlebnis: Mit Studenten in Wrocław

Die Atmosphäre während der Vorführung war sehr konzentriert und ruhig. Und nach dem Ende des Films herrschte erstmal ein längeres Schweigen bzw eine merkwürdige Ruhe. Als deutscher Teilnehmer fühlte ich mich danach irgendwie seltsam. Zum ersten Mal hatte ich solche drastischen und realistischen Eindrücke aus dem Warschauer Aufstand im Jahr 1944 gesehen. Zum ersten Mal das Leid und Martyrium unseres Nachbarvolks so miterleben können, wie es eben Wajdas Film möglich macht. Und ich hatte irgendwie Angst, von den Teilnehmern aus den anderen Ländern angesprochen zu werden. Trotzdem waren die eher ruhigen Reaktionen damals angemessen, denn nach so einem Film sollte man – meiner Meinung nach – nicht sofort wieder laute Musik anmachen oder die Würstchen auf den Grill schmeißen.

Meine Sorgen waren jedenfalls unbegründet – weder die polnischen noch die jungen Leute aus den anderen Nationen kamen mit einer auch nur annähernd vorwurfsvollen Haltung zu mir. Im Gegenteil: Ich hatte das Gefühl, dass sie sich danach besonders bemühten, mich zum gemeinsamen Fußballspielen und zu Touren in die City einluden. Für mich war damals auf jeden Fall klar, dass ich mich nochmal mit diesem Film beschäftigen werde. Und so ist es jetzt, sieben Jahre danach, mit dem Buchprojekt auch gekommen. Hier schonmal die Manuskriptversion (PDF) des Beitrags über Wajdas eindrucksvollen Schwarzweißfilm (1956), in die ich den Dutschke noch schnell eingebaut habe – übrigens mein erster „filmwissenschaftlicher“ Text: 1957_Ruppert_Kanal_für_Blog

Und hier gibt es den Film frei und kostenlos auf YouTube, mit englischen Untertiteln.

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3 Gedanken zu “Wajdas Kanal und Rudis Tagebuch

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