Writing Challenge: Soulful Machines

„What’s the most ‚human‘ machine you own?“ – das ist die erste Frage, die mir WordPress stellt. Ich mache mit bei der 101Write-Challenge, im Prinzip eine große, öffentliche Schreibübung für Blogger. Eine Schreibübung, die ich dringend brauche. Werde einen Monat lang täglich einen „Daily Prompt“ mit einem Thema bekommen und dazu schreiben. Es geht mir darum, eine bessere, vor allem kontinuierliche Schreibroutine einzuüben. Die hilft mir dann auch bei meinem Langzeit-Schreibprojekt, der Doktorarbeit. Jetzt aber zum heutigen Thema: „Soulful Machines“.

Das menschlichste Gerät in meiner Wohnung? Ganz klar: Mein altes Grundig-Radio, genau genommen Grundig 3042. Es steht in meiner Küche auf dem Kühlschrank und begleitet mich am Anfang und am Ende eines jeden Tages. Grundig hat schon so viel mehr erlebt als ich: Z.B. die Beatles und die Stones live, die 68er Studentenproteste, Reden von Rudi Dutschke, Jürgen Habermas, Willy Brandt. Es hat die erste Mondlandung übertragen und den deutschen Herbst mitgemacht, als ich gerade meine ersten Worte lernte. Grundig, geboren 1953 in der RVF-Radiofabrik in Fürth, steht mittlerweile online im Radiomuseum.

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So schaut es mich mit seinem magischen Auge an: Mein Röhrenradio|Foto: MR

Menschlich: Erst Aufwärmen, dann Leistung bringen

Wenn ich auf die großen elfenbeinfarbigen Tasten drücke, spüre ich am starken Widerstand, wie sich mein Grundig bewegt und wie es sich beschwerlich für mich in Gang setzt. Die Taste „UKW“, die eigentlich aussieht wie eine Tatze, rastet mit einem lauten Ächzen und einem Klick ganz unten ein. Dann muss sich mein Grundig erst mal aufwärmen. Es kommt langsam auf Betriebstemperatur. Dabei knistert es ganz leise, wie ein Lagerfeuer, das Du gerade anzündest. Dann aber kommt es in Schwung und entfaltet seinen warmen, sympathischen Klang. Ich wärme mich an diesem satten Sound, von Röhren erzeugt. Ich lasse mich streicheln von dem fetten, freundlichen Bass, der so anders klingt als der glatte Digitalsound aus dem Laptop oder dem digitalen Küchenradio aus dem Internet. Wenn die Nachrichten kommen, dann ist es, als ob die Sprecher direkt neben mir stehen, am Kühlschrank.

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Vor kurzem haben wir seinen 60. Geburtstag gefeiert: Mein Grundig 3042|Foto: MR

Mein Grundig lebt. Es sorgt dafür, dass ich mich beim Frühstückmachen, beim Abwaschen und beim Kochen wohlfühle, dass jemand mir mir redet. Es spricht mit mir. Sein Sound hat Soul. Ein mechanisch-elektronisches Wunderwerk, sechzig Jahre alt, mit UKW-Seele. Es begleitet mich durch jeden Tag, seit ich es vor rund 20 Jahren auf einem Flohmarkt in Berlin für zehn Euro gekauft habe.

Allerdings ist diese Seele in Gefahr: Die digitale Radiolobby will UKW in den nächsten Jahren abschalten. Vor kurzem hat Helmut Markwort beim Deutschen Radiopreis wieder einmal darauf hingewiesen, dass meinem Grundig bald die Lebensgrundlage entzogen werden soll. Hunderttausende alte Radios wie mein Grundig 3042 verlören so ihre Seele, ihre Funktion, ihr Leben! Umschalten aufs Digitalradio – ein Massenmord an unseren menschlichen Maschinen.

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