Writing101: Mit einem Schnips geht’s los

So. Jetzt bin ich bei der richtigen Writing Challenge gelandet. Heute geht sie los. Also macht euch auf einige Blogbeiträge in nächster Zeit von mir gefasst. Die Themen suche ich mir nicht aus, es gibt jeden Tag ein sogenanntes Writing Assignment, also eine Aufgabe. Heute:

A Room with a View: We’re all drawn to certain places. If you had the power to get somewhere — anywhere — where would you go right now? For your twist, focus on building a setting description.

Ich würde meinen Daumen lässig auf meinen Mittelfinger legen. Dann den Druck mit dem Daumen erhöhen und – „tssst“ fliegt er mit einem Schnips in Richtung Zeigefinger. Mit solch einem lockeren Fingerschnips transportiere ich mich an den Ort meiner Träume: Mitten auf die Tanzfläche! Tsst und bäng! Ich stehe da, höre Musik, alles ist in Bewegung. Kleider und Hemden wirbeln und schieben um mich herum. Ich bin mittendrin, ich bin Teil des Tanzraums. Es summt, es brummt, ich höre nicht auf zu schnipsen, sondern nehme den Takt auf. Schlagzeugsolo: ramm-tatatatamm! Rettelschnettel-Wumm! Oberkörper beugen sich nach vorne aufeinander zu, dann wieder voneinander weg, Beine fliegen in alle mögliche Richtungen und kehren doch immer wieder unter die dazugehörigen Oberkörper zurück. In den Gesichtern Schweiß und Freude.

Beine fliegen durch den Raum

Meine Beine fangen wie von selbst an nach vorne und nach hinten zu wandern. Ich wippe im Takt und schlängele mich  an den Körpern in Zweierformation vorbei, die miteinander harmonieren, die in gegenseitigem Respekt voreinander ausweichen und sich dann wieder ganz nahe kommen. Manchmal berühren sich die Pärchen leicht, geben sich so einen Impuls, der sofort verarbeitet wird und eine minimale, kaum sichtbare Schrittvariation und Richtungsänderung nach sich zieht. Ich lasse mich treiben, von der Bühne weg in das hintere Drittel der alten Fabriketage, die mit hellem Holzparkett zum Tanzsaal ausgebaut wurde.

Das Parfum der großen Blonden

Das leichte Sommerparfüm der großen Blonden mit dem gepunkteten Fünfzigerjahre-Kleid zieht an meiner Nase vorbei, wenn ich mich in die eine Richtung drehe. Sie tanzt mit einem glatzköpfigen, leicht untersetzten Mann mit weißem Hemd und roten Hosenträgern. Ich drehe mich mit der Musik in die andere Richtung – der süßliche Geruch der kleinen Brünetten mit dem blumigen Top kommt mir für einen Augenblick entgegen. Sie trägt einen schwarzen, kurzen Tüllrock samt gleichfarbigen Strumpfhosen und schwarzen Tanzschuhen. Ich stelle fest, dass die meisten Menschen auf der Tanzfläche gut gekleidet sind, zumindest um ein Vielfaches besser als auf der Straße oder im Büro. Es ist ein Swing-Abend und alle tanzen Charleston oder Lindy Hop. Mein Trip hat mich mit dem Schnipsen in eine andere Zeit versetzt. Ich merke, wie ich selbst alle Sorgen vergesse, nicht mehr an Probleme denke. Hier haben sich alle schick gemacht, aber auf eine ehrliche Art, denn man fasst sich sowieso an, um die Hüften, an der Schulter und an den Armen. Und sie schwitzen zusammen. Irgendetwas zu verstecken macht keinen Sinn.

 

Swingparty in der Kulturfabrik Stuttgart-Ost|Foto: Swingkultur Stgt
So sieht’s aus: Swingparty in der Kulturfabrik Stuttgart-Ost|Foto: Swingkultur Stgt

Körper spannen, Gesichter entspannen sich

Auf die Gesichter um mich herum ist ein Lachen gezaubert, eine Entspannung. Und das bei gleichzeitiger Körperspannung. Eine fröhliche, menschliche Gesellschaft, die sich gemeinsam dem Takt hingibt, die Musik mit den eigenen Körpern und mit denen der Tanzpartner umsetzt. Offenheit ist Voraussetzung und die Offenheit ist zu sehen, zu spüren, in den Gesichtern. Kein zerknautschtes, sorgenvolles Gesicht auf dem Tanzboden. Ich spüre den Windzug eines vorbeiswingenden Paares. Sie ist etwa 1,65 Meter groß, er mindestens 1,90 Meter. Aber es sieht interessant aus, wie sie ihre Verbindung herstellen und sich halten, ihre Hand hinten auf seinem Oberarm, er umfasst vorsichtig ihre Hüfte und gibt mit den Armen Impulse. All das sorgt dafür, dass sie ihre Schrittlängen aneinander anpassen. Das Magische an diesem Ort ist, dass hier nicht eine Perspektive vorherrscht, sondern unendlich viele und immer wieder neue. Es ist ein Ort, der viele Orte auf einmal ist. Der Tanzsaal lebt, jeder Tanz hat einen Anfang und ein Ende. Jeder Tanz ist eine Geschichte mit wechselnden Protagonisten. Tanzen ist eher Film als Foto.

Fixpunkte im Tanzsaal gibt es aber auch: Die hohe Decke mit ihren drei großen Kristallkronleuchtern und Scheinwerfern, der Holzfussboden unter unseren Füßen, der durch das leise Klacken der Schritte eine zweite Rhythmusebene zur Musik einzieht, und die vier Wände des Tanzsaals. Vor allem die Bühne mit der Band ist Bezugspunkt und Spiegelfläche für die Tanzenden. Sie sehen die Musiker, hier spielt sich wie von Zauberhand das alteingespielte Ritual der Begegnung und der gegenseitigen Motivation ab.

Kommunikationsraum Tanzboden

Der Tanzsaal ist ein gesellschaftliches Setting, ein Raum, prall gefüllt mit menschlicher Kommunikation: Ich kommuniziere mit meinem Partner beim Tanzen auf natürliche und komplexe Weise, mit Muskeln, kleinen Zuckungen und Bewegungen, wenn ich will auch mit Mimik und Gestik oder aber mit Worten. Und weil es bei jedem Paar auf dem Dancefloor so ist, potenziert sich dieses Kommunikationswunder. Du hörst es durch das Vielfache Brummeln und Quatschen, das angenehm hinter der Musik liegt. Du fühlst es, wenn andere an Dir und Deiner Partnerin Vorbeischweben, wie auf unsichtbaren Leitlinien am Boden gezogen. Du bekommst ständig ein Lächeln, manchmal einen überraschten Blick, der Dir zugeworfen wird. Die Musiker geben den unsichtbaren, aber hörbaren Rahmen vor, in dem wir uns alle bewegen. Sie kommunizieren mit uns. Wir kommunizieren mit ihnen, zeigen durch den Tanz unsere Freude und Bewunderung, klatschen Applaus. Wir kommunizieren mit den Umstehenden und Sitzenden, mit den Gästen im Saal. Auf keine Art kommt man schneller miteinander ins Gespräch und einander näher, in diesem Raum mit millionen Blicken, Momenten, Eindrücken, Perspektiven. „Tsst – tsst – tssak!“ Ich schnipse wieder und denke mir, dass der Tanzboden eigentlich auch überall sein kann, in uns, in meinem Büro oder in der S-Bahn-Unterführung.

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3 Gedanken zu “Writing101: Mit einem Schnips geht’s los

  1. Max, das hat mir sehr gefallen! Du hast einen sehr dynamischen Stil, und ich habe mich richtig gefuelt, als ob ich mit tanze. Es gefiel mir auch, wie Du mit Deine eigenen Empfindungen angefangen hast, dann die anderen Taenzer, und zuletzt, den ganzen Saal.

    I hope all of that makes sense. Aside from Christmas cards, I haven’t written in German in over 20 years! Great piece- I look forward to reading more!

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