Sy, Sibelius & Bowie: Lebensverändernde Songs

Die nächste Writing101-Schreibaufgabe erreichte mich per Mail:

Write about the three most important songs in your life — what do they mean to you? Today, celebrate three songs that are significant to you. For your twist, write for fifteen minutes without stopping — and build a writing habit.

1. Bright like the sun von Sy & the Unknown featuring Kirsten Joy

Ich stehe im Fitti und boxe lange Gerade, immer rechts und links zum Beat der Musik in Richtung Spiegel, in mein eigenes Gesicht. Auf einmal läuft mir ein Schauer über den Rücken. Die Musik, ein treibender typischer Elektro-Euro-Dance-Verschnitt trifft mich plötzlich irgendwo zwischen zentralem Nervensystem, Herz und Musikzentrum im Hirn. Ich blicke in den Spiegel und sehe meine Fäuste noch energischer von mir wegfliegen, die Musik treibt mich noch mehr an, ich fühle auf einmal eine Wärme tief in meinem Körper aufsteigen. Fühle, dass ich stark bin und alles überstanden habe. Adrenalin schießt in meinen Körper, Tränen in die Augen, aber es sind Freudentränen. Es ist die – ich glaube chromatische, auf Halbtonschritten basierende – Melodieführung in der Strophe „You there for me in my darkest hour, with a spotlight of power, to bring the dailight back to me“, die mich innerlich irgendwie ausknockt. Dann die rauhe, fast erzählende Frauenstimme über den wupp-wuppenden Beats. In diesem Moment ist diese Strophe meine Strophe, so ist es halt manchmal, auch wenn ich mich fast ein bisschen schäme für diese musikalische Fitness-Studio-Bekanntschaft. Eigentlich nicht mein Stil, aber ich habe es in den letzten Monaten gefühlte tausend Mal hoch und runtergehört. So ist das total simple Bright Like the Sun zum Soundtrack meines Neuanfangs in Benztown geworden. Der Song markiert den Punkt, an dem mir klar wurde, dass ein Beziehungsende die Chance für den Neuanfang ist, dass ich wieder da bin, dass ich viel richtig gemacht habe und dass das erst der Anfang ist: „…with a spotlight of power, to bring the daylight back to me!“

2. David Bowie, Absolute Beginners

Ich hab es mit den Anfängen, aber eigentlich ist alles von Bowie bei mir ganz oben auf der Liste. Aber jetzt irgendwie vor allem „Absolute Beginners“. Ertappe mich in den letzten Monaten des öfteren dabei, am Wochenende ganze David-Bowie-Live-Konzerte auf YouTube anzuschauen anzuhören und abzutauchen in seine Welt perfekter Popmusik. Absolute Beginners vermittelt mir Tiefe und Kraft und Lebensfreude. Schon beim „Shab-shab-schahuuuu“ am Anfang bekomme ich gute Laune, sehe Bowies immer grinsendes, lachendes Gesicht vor mir. Dieser Song hat Power und Bowie ist ein perfekter Musiker. Wenn ich ihn höre, denke ich auch an meine eigene musikalische Entwicklung, an die langen Fahrten mit den Bandkollegen durch das verregnete Remscheid, als wir unsere eigenen ersten popmusikalischen Gehversuche machten. Bowie war einer unserer Heroes. Wir hörten ihn im Autoradio-Kassettenrekorder unseres Sängers Carsten. Hier konnten wir ungestört und laut unsere Musik laufen lassen, darüber reden, rauchen und genießen. Bowie war immer irgendwie dabei, auch wenn andere, teils progressivere Bands (Bauhaus, Joy Division, The Cure) und düstere Musik unsere Top-Favoriten waren, damals. Im Probenraum haben wir uns an Ziggy Stardust versucht, damals waren wir „Absolute Beginners“. An dieses Lied haben wir uns aber (leider) nicht rangewagt. Wahrscheinlich zu komplex. Und: Wir hatten keinen Bläsersatz und keine zweite, hohe weilbiche Stimme. Immer wenn sie erklingt, hoch über der Bowie-Voice hingehaucht, bekomme ich Gänsehaut. Danke, David! Feel-Good-Musik, die mir Kraft gibt und mich daran erinnert, dass wir immer irgendwie „Absolute Beginners“ sind und dass das überhaupt nicht schlimm ist, so lange wir sagen können „I absolutely love you!“.

3. Sibelius Violinkonzert (d-Moll)

Uff…hier wird’s sehr emotional für mich. Dieses Geigenkonzert (übrigens das einzige von Jean Sibelius) hat meine große Liebe zur Studienzeit in Berlin als Abschluss-Stück zum Diplom an der Hochschule für Musik (Hanns Eisler) gespielt. Unzählige Male habe ich es damals aus jedem nur erdenklichen Winkel ihrer und meiner Studentenbude gehört. Ich habe es gemocht und bin so ganz nebenbei, Stück für Stück, in diese romantische Komposition reingezogen worden. Als wir eigentlich schon ins Bett gehen wollten, ging sie oft nochmal in die Küche, um mich nicht zu sehr zu stören, stellte dort den Notenständer auf und legte los, meist nur die schweren, schnellen Solo-Stellen vorm Schlafengehen. Nur zur Klarstellung: Das hier hat nichts mit der Beziehung zu tun, um die es in Song Nr.1 geht.

Am Tag der Abschlussprüfung kamen ihre Eltern und ihre Schwester in die Stadt. Ich zog mich halbwegs gut an und ging mit Eltern und Schwester in den Vorspielraum. Sie war ein Nervenbündel an diesem Tag, denn alles hing von den nächsten 20 Minuten ab. Sie nahm extra einen halben Beta-Blocker, um nicht vor Herzkasper umzufallen oder zu sehr in den Händen zu zittern. Und dann spielte sie das schöne, emotionale Stück, das dem Interpreten einiges abverlangt: Ausdruck und Fingerfertigkeit. Tolle, romantisch-pathetische Meolodielinien, mal melancholisch-traurig und dann immer wieder trotzig, bestimmt, fordernd. An manchen Stellen kann der Interpret die Violinseiten so hart anschlagen, dass sie fast schon krächzen vor Empörung. Ich liebte sie und ich liebte dieses Stück. Ohne sie hätte ich es wohl nicht kennengelernt. Die Begleitung (im Idealfall ein Orchester, an diesem Tag eine Klavierbegleitung) trägt die Geige, die eigentlich von Anfang an den Ton angibt, macht die Start- und Landebahnen frei für die Melodiebögen der Solistin und für die atemberaubenden, ziemlich schnellen und mit Doppelgriffen versehenen Soli. Ich kenne den Hintergrund zum Stück nicht genau, aber würde es auf jeden Fall als romantisch einordnen. Jedes Mal, wenn ich es bewusst höre, ist alles wieder da: Die Liebe von damals, diese tolle Zeit in Berlin, die Bewunderung für meine große Geigerin. Und ein bisschen nachdenklich macht mich das Konzert auch, denn vielleicht habe ich ihr damals die Bewunderung nicht so richtig gezeigt und meinen Stolz auf sie. Sie hat jetzt schon seit über zehn Jahren eine feste Stelle als Violonistin in einem der renomiertesten Orchester Deutschlands. Und ist mit einem Geiger ihrer Violinengruppe verheiratet. Trotzdem höre ich das Stück immer wieder gern.

Wenn ich noch weitermachen dürfte, würde hier auf jeden Fall noch was über die Fantastischen Vier und über Edward Sharpe and the Magnetic Zeroes („Home„) stehen. Aber: alle guten Dinge sind drei.

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