Writing101: Verluste

Der nächste Schreibauftrag:

Write about a loss: something (or someone) that was part of your life, and isn’t any more.

Es waren drei Dinge, die er verloren hatte und die ihm fehlten. Diese verlorenen Eigenschaften machten ihn zu dem menschlichen Wrack, das er heute war. Lange war ihm unklar, wieso es soweit gekommen ist, doch seit ein paar Tagen sieht er die Sache klarer. Er beschäftigt sich mit dem, was ihm fehlt und rekonstruiert in seinem Kopf, was er wo verloren hat: So fing alles an:

Es war ein klarer Herbsttag, kalt aber mit Sonnenschein, ganz nach seinem Geschmack. Auf diesen Tag hatte er sich eigentlich gefreut, sein Herz klopfte schneller als sonst, aber diese Aufregung kannte er. Es war eine gute Art der Aufregung, die die Konzentration verstärkte. Das war bei ihm ganz normal bei Auftritten vor eine Gruppe von Menschen. Heute also sollte er ein Referat an der Uni halten, zusammen mit seinem Freund Sebastian. Er machte sich auf dem Weg zu seinem kleinen Lieblingshörsaal im literaturwissenschaftlichen Seminar. Das Thema: Zur dadaistischen Literatur der 1920er Jahre. Ein kurzweiliges und witziges Thema. Doch dass ihn Eva so aus der Bahn werfen würde, hätte er vorher nie gedacht. Er wusste ja, dass Eva im Publikum sitzen würde und hatte sich schon gefreut, sie mit seinen Ausführungen zum Lachen zu bringen.

Tag der Referate: Da da Dadaismus

Gemeinsam mit Sebastian hatte er sich gut vorbereitet. Jetzt trafen sie sich im Hörsaal: „Hast Du die Präsentation dabei?“, fragte er seinen Freund. „Na klar, lass uns schnell noch den Laptop unten checken!“. Er ging mit Sebastian nach unten, in Richtung Vortragspult. Es war ein alter, klassischer Hörsaal, in dem das Publikumauf das Zentrum nach unten schaute, in steil ansteigenden Reihen waren die Holzsitze angeordnet, die im Halbrund um das Pult nach oben wuchsen. Ein bisschen erinnerte ihn das an die Manege in einem Zirkus. Während langsam die anderen Studenten eintrudelten, machten die beiden einen letzten Check ihrer Präsentation. Alles war in Ordnung. Es konnte losgehen. Die beiden setzten sich noch für eine Minute in die erste Reihe, da kam auch schon der Dozent, Dr. Grill. Der begrüßte schnell und hastig die Studenten, er hatte wohl keine Lust, länger als unbedingt nötig vor den Studierenden zu stehen und zu reden. Es war ja schließlich der Tag der Referate. Also ging es gleich los.

In dem Moment, als er mit Sebastian die letzte Stufe hinunterging und das Manuskript auf dem Pult ablegte, drehte er sich in Richtung der Kommilitonen um, suchte das Gesicht von Eva. Suchte ihre blonden, langen Haare und ihren sanften, fast veträumten Blick. Er fand sie schnell in der vierten Reihe, ziemlich nah am Vortragspult. Ihm wurde innerlich warm. Jetzt war er eigentlich dran mit dem ersten Teil des Referats. Doch diese Wärme ging nicht mehr weg. Sie steigerte sich immer weiter und er bekam das Gefühl als ob er überkochen würde.

Jetzt versuchte er, seinen Blick von Eva wegzulenken, in Richtung des Manuskripts auf dem Pult. Aber irgendwo im Nichts blieb er stecken, schaute leer in den Raum zwischen Eva und dem Pult. Es muss ein komisches Bild für die Kommilitonen und für Dr. Grill gewesen sein. Nach einer gefühlten Minute fing er an, etwas zu sagen, aber es gelang ihm nicht, seinen Blick auf das Manuskript scharf zu stellen, noch wirklich sinnvolle Sätze zum Thema Dadaismus sagen. Er fühlte sich  auf einmal wie in einem großen Wasserkocher aus Glas eingesperrt, in dem in die Zuhörer beobachten konnten, wie er langsam überkochte, sie aber nichts von ihm hören konnten. Er stotterte schließlich eine Art Begrüßung in die Runde der 60 Studenten, die vor ihm und Sebastian im Halbrund saßen: „Hallo, willkommen zum … äh… wir machen…jetzt ein Referat über Da….da…da…. -ismus und…..“

Er fühlte sich wie im Wasserkocher

Er fühlte, wie Schweiß  ihm hinten am Rücken heruntertropfte und er ziemlich schnell die Gesichtsfarbe einer roten Paprika annahm. Er stotterte weiter herum, blickte dann verlegen nach unten und konnte nichts mehr sagen. Zum Glück im Unglück machte Sebastian das dann ziemlich souverän, so dass das Referat insgesamt noch ganz gut ausging. Doch er hatte in dieser Situation eins verloren: Den roten Faden! Und nicht nur den. Hinter diesem Verlust des roten Fadens steckte mehr, das fühlte er. Denn sonst hatte er eigentlich kein Problem mit solchen Vorträgen. War es Eva oder etwas anderes? War er sich vorher vielleicht nicht bewusst, wie wichtig sie für ihn war und merkte jetzt, dass sie ihn total verwirrte? Er fing an, das ganze zu analysieren, doch es sollte lange dauern, bis er dahinter kommen konnte, was es war. Nach dem Vortrag sprach ihn niemand auf diese peinliche Situation an – weder die Mitstudenten, noch Dr. Grimm. Und, was wirklich ungewöhnlich war, auch Sebastian machte keine Anstalten, über den missglückten Vortrag zu reden.

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