Sprung ins Becken ohne Wasser: Mein 2014 (Teil 2 von 3)

Eine der interessantesten Erfahrungen im Jahr 2014 habe ich in der Schweiz gemacht: In Luzern hielt ich einen Vortrag, der eine dreifache Premiere für mich darstellte: Zum ersten Mal in einem Hallenbad, zum ersten Mal unter einem Pseudonym und zum ersten Mal habe ich den Vortrag auch irgendwie nicht gehalten. Teilweise zumindest. Verwirrend? Ja!

Okay, der Reihe nach: Irgendwann im Spätsommer bekam ich per Mail eine Anfrage vom Center for Storytelling: Ob ich mir vorstellen könnte, auf einer Konferenz zum Thema „Identity Stories“ zu sprechen. Kurt Reinhard aus Zürich hatte meinen Artikel Journalisten im Netz gelesen, im Netz natürlich. In diesem Text hatte ich für die Bundeszentrale für politische Bildung über den journalistischen Umgang mit Schwarmphänomenen im Internet geschrieben. Anfangs war ich skeptisch, denn ich sehe mich eigentlich nicht als Experte für Storytelling und Narrationsforschung. Auf der anderen Seite gehört Geschichtenerzählen für mich als Journalist aber ganz klar zu den Kernkompetenzen. Wir telefonierten. Ich merkte, dass Reinhard sehr offen war, was die Gestaltung des Vortrags angeht. Die Anfrage aus der Schweiz besprach ich dann mit meinem Freund Joseph. Der hat Pflegewissenschaften studiert und ist ein absoluter Power-Point-Hasser. Bei einem Treffen im „87“und ein paar Bier und einem rauchigen Whisky kursierten ein paar gute Ideen, z.B. den Vortrag nicht als „Max Ruppert“, sondern unter einem Pseudonym zu halten, oder mit einer Maske wie Cro, um dem Publikum schon durch den Rahmen des Vortrags mit dem Phänomen selbst zu konfrontieren. Schnell war ein Name gefunden: Bernt Vann, und eine Legende gebastelt. Bernt Vann sollte in die Schweiz reisen, um den Vortrag zu halten.

Bernt_Vann_drawnPlötzlich die Idee, den Vortrag gar nicht selbst zu halten

Der Veranstalter war einverstanden. Und ich besprach mich nochmal mit Joseph. Der sah mich mit großen Augen an und sagte: „Weißt Du was? Du hälst den Vortrag gar nicht selbst!“ „Du meinst… was…häh?“, antwortete ich. Jo schlug mir vor, meine Kerninhalte aufzuschreiben und das Publikum in Luzern zu animineren, als geschichtenerzählender Schwarm zu funktionieren. Er schlug einen Rahmen vor, der z.B. durch eine Uhr vorgegeben werden kann, und ein paar Handlungsanweisungen auf Karten. Ich war wiederum skeptisch, aber tief im Inneren gefiel mir die Radikalität dieser Idee. Damit ging ich zu Amelie, eine meiner Lieblings-Kolleginnen an der HdM, die (im Gegensatz zu mir) Expertin für Narrationsforschung ist. Sie fand die Idee gut, unterstützte mich und war auch bereit, zum großen Experiment mitzukommen. Ich brauchte Hilfe beim Konzept und beim Austeilen der Schwarm-Karten vor Ort. Außerdem interessierte sich Amelie natürlich fachlich für das ganze Tagungsprogramm.

Dialog mit dem Veranstalter

Zusammen arbeiteten wir ein Konzept aus und ich schlug es wiederum dem Veranstalter vor. Jetzt war er skeptisch. Nur auf den Schwarm zu setzen, 20 Minutuen lang, fand er ein bisschen zu heftig. Und auch zu langweilig. „Nach fünf, sechs Minuten weiß doch jeder, wie es funktioniert,“ sagte er am Telefon. Ich glaube, er hatte Recht. Kurt Reinhard hat jahrelange Erfahrung als Filmregisseur. Ich habe verstanden, was er meinte. Außerdem war er der Auftraggeber.

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So sah der Film aus, den ich für diesen Vortrag und den Schwarm produziert habe: Die symbolische Uhr als Ring, ein Fischschwarm im Hintergrund.

Also einigten wir uns darauf, das Schwarmexperiment mit dem Publikum nur in den ersten fünf Minuten zu machen, gefolgt vom Auftritt Bernt Vanns, der dann etwas zu seinen Erfahrungen und Forschungen zum Schwarm-Phänomen GuttenPlag-Wiki sagen sollte (Video unten).

So haben wir es dann tatsächlich gemacht und ich glaube, es war ganz gut. Reinhard moderierte im Hallenbad Bernt Vann an, dann startete ein Film mit meiner Stimme und einer symbolisierten Uhr, die mir mein Animationskollege Jochen aus der HdM netterweise mit seinen Spezialprogrammen gebaut hatte. Drei Aufgaben wurden an zufällig ausgewählte Schwarm-Mitglieder auf großen Karten verteilt, nachdem die Uhr zu ticken begann. Und dann: Der Schwarm funktionierte! Ohne dass jemand vorne am Rednerpult stand, wurde abgestimmt, per Brainstorming Begriffe gesammelt und Lösungsvorschläge für eine fiktive Redaktionsentscheidung gesammelt und diskutiert. Bravo Luzern! Eine tolle Erfahrung, selbst mit im Publikum zu sitzen und zu sehen, dass es klappt!

Nach der dritten Aufgabe ging ich als Bernt Vann nach vorne. Während des Vortrags herrschte eine sehr konzentrierte und gute Atmosphäre. Am Ende hat sich Bernt Vann bedankt und einen Apéro demjenigen in Aussicht gestellt, der seine wahre Identität herausfindet. In ein paar Minuten war das Rätsel allerdings auf Twitter geknackt: Der erste Bernt-Vann-Tweet aus Luzern

Für mich ein absolutes Highlight 2014. Die Erfahrung hat mir gezeigt, dass es sich lohnt, neue Wege zu gehen und radikaler das Gewohnte hinter sich zu lassen. Weniger Power Point. Mehr Bernt Vann und mehr experimentierfreudige Veranstalter! Großes Dankeschön an Kurt Reinhard, der sich auf das Abenteuer einließ und mit Rat und Tat zur Seite stand und an meine HdM-Kollegen/innen, die mich unterstützt haben. Im folgenden Video ist der Vortragsteil aus dem Neubad Luzern dokumentiert. Leider fehlt die Schwarm-Phase, die zwischen Anmoderation und dem Auftritt von Bernt Vann liegt:

Phänomenologie des Feldbergs

Aus den Tiefen des Hallenbades geht es jetzt auf fast 1500 Meter hinauf, auf den Feldberg im Schwarzwald. Und dieser Ausflug – auch wenn es sich erstmal nicht danach anhört – hatte auch etwas mehr mit meinem eigentlichen Aufgaben als Doktorand zu tun: Ich wollte einfach mal raus, mit dem Rad, dem Laptop, alleine sein und ein paar grundlegende Bücher mitnehmen, um wieder in den Think- und Workflow der wissenschaftlichen Arbeit reinzukommen. Im Netz hatte ich zu diesem Zweck eine schöne Herberge in Todtnauberg gefunden, direkt unterhalb der Heidegger-Hütte. Genau die richtige Umgebung, um sich mit den philosophischen Grundlagen der empirischen, sozialwissenschaftlichen Forschung zu beschäftigen: Husserls Phänomenologie der Lebenswelt, die für das Lebensweltkonzept von Alfred Schütz (und Thomas Luckmann) grundlegend war. Auch Heidegger war Husserl-Schüler und war 1928 sein Nachfolger als Philosophie-Professor an der Freiburger Uni. In der Zeit nach 1933 wurden Husserl allerdings sämtliche Funktionen und sogar die Lehrerlaubins entzogen (einen ersten Überblick seine Vita liefert der Wikipedia-Eintrag Edmund Husserl). Er ist für einige Klassiker der (Wissens-)Soziologie grundlegend, auch die  Gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit von Peter L. Berger und Thomas Luckmann ist ohne Husserl nicht denkbar. Die gesellschaftliche Konstruktion von Wirklichkeit passt, finde ich, ganz gut zu dem, was sich im Netz und in den (Büger-)medien heute abspielt. Berger/Luckmann schrieben 1967 den Kernsatz „man produces himself“. Bei YouTube heißt es heute „Broadcast Yourself“. Die gesellschaftliche Konstruktion von Wirklichkeit wird zu großen Teilen zu einer medialen Produktion von gesellschaftlicher Wirklichkeit. Aber ich nerve hier nicht weiter, das wäre sicher mal Stoff für einen eigenen Blogeintrag, der mehr wissenschaftlich orientiert ist.

Jedenfalls war dieser Aufenthalt wichtig, um in den Maschinenraum meiner eigenen Arbeit hinabzusteigen, den Motor zu verstehen und zu definieren. Wer empirisch forscht, sollte sich genau überlegen, auf welchen theoretischen Fundamenten er steht, in welchen Strömen er sich treiben lässt. Das wollte ich also in Todtnauberg angehen.

Schnee auf Passhöhe im April 2014
Schnee auf Passhöhe im April 2014

Aber so einfach war es dann nicht: Ich fuhr mit dem Zug bis Freiburg, war gegen 17 Uhr da und dachte, die gut 30 Kilometer bis nach Todtnauberg müssten in 2-3 Stunden mit dem Rad zu schaffen sein. Aber das Höhenprofil hatte ich dann doch unterschätzt, es ging immerhin über den Notschrei-Pass, auf fast 1500 Meter. Ich musste mich richtig quälen, über den Pass zu kommen. Zum Glück war im April nicht viel los auf den Straßen. Jedes Auto, das dich überholt, wirkt demotivierend. Zwei Stunden im kleinsten Gang den Berg hinauf. 50 bis 60 Kurbelumdrehungen von

Leitplanke zu Leitplanke. Ich zählte die Pedaltritte wie Schafe beim Einschlafen. Das war die harte Währung des Schwarzwald-Aufstiegs für mich. Die Riemen des Rucksacks schnitten sich in meine Schultern, sein Gewicht zog mich nach hinten, in Richtung Tal; Waden und Adduktoren konnte ich nur noch als stumpfe Schmerzstellen meines Körpers verorten. Auf der Passhöhe lagen, jetzt im April, noch Schneereste. Kurz bevor es dunkel wurde, kam ich doch noch am Glöcklehof an. Was für ein Gefühl! Ich ging gleich in die Sauna und am nächsten Tag ging es mir dann erstaunlich gut. Als ich dann allerdings anfing, Husserls Originaltext zu lesen, tat wieder alles weh. Besonders der Kopf. Schwer verständlich!

Wieder unten: Swing that thing!

Etwas ganz bodenständiges habe ich in diesem Jahr auch für mich entdeckt: Das Swing-Tanzen! Stuttgart hat eine sehr lebendige Swing-Szene, von der man als Neuling und Lernender sehr profitieren kann. Als Student in Berlin landete ich mal morgens um drei nach einer durchzechten Nacht im Grünen Salon (Volksbühne). Eine Big-Band spielte, Kronleuchter hingen an der Decke und eine dicht gedrängte, tanzende Menschenmasse, die aussah, als sei sie geradewegs aus den 20er-/30er-Jahren hierher gebeamt worden.

Damals habe ich gestaunt und gesagt: Das will ich auch mal machen! Heute mache ich es. Die oben schon erwähnte Kollegin Amelie ist auch mit dabei und wir haben inzwischen eine ganz gute „Intermediate-Tanzstufe“ erreicht. Zu den Swing-Tänzen zähent übrigens u.a. Lindy-Hop, Charleston und Balboa. Von allen kann ich jetzt so ein bisschen. Und ich will weitermachen. Was die Faszination bei dieser Art des Tanzens ausmacht, habe ich hier versucht, mal aufzuschreiben. Im nächsten Jahr steht eine total verrückte Workshop-Woche in Kraków und Zakopane an: Bei LindyOnTrack fährt die Tanzmeute von Krakau aus mit einem swingenden Zug und einer Dampflok in die Berge nach Zakopane. Und auch während der Zugfahrt wird in alten Waggons, die als Tanzsäle umgebaut wurden, geschwoft!

Ganz nebenbei hat mich das Swing-Tanzen auch zu meinem ersten Flashmob gebracht und mich zu einem „Helden der Unteführung“ gemacht. So haben die pfiffigen Organisatoren von Swing Step Stuttgart uns nach erfolgreichem Flashmobbing betitelt. Hier könnt ihr die Aktion sehen:

So. Ganz schön viel schon für 2014. Aber es gibt tatsächlich noch mehr. Stay tuned!

 

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