Ida und Oscar?

Ein Film, der manchmal als „kleiner Film“ beschrieben wird, könnte aus der Oscar-Nacht am 22. Februar als großer Gewinner hervorgehen: „Ida“ von Regisseur Paweł Pawlikowski hat es unter die Nominierten in gleich zwei Kategorien geschafft: Bester nicht-englischsprachiger Film und beste Kamera. Der Grund dafür, dass manche Journalisten den Film „klein“ nennen, liegt wohl an seiner ruhigen, aber intensiven Erzählweise, vielleicht an den stilistischen Eigenheiten: Schwarz-weiß, gerade einmal 80 Minuten lang, keine Kamerabewegungen, nur feste Einstellungsgrößen, ruhige Bilder. Ich finde: Ein ganz großer „kleiner“ Film.

Anfang Januar habe ich „Ida“ in Wrocław (Breslau) gesehen. Der Film wurde dort nach der Oscar-Nominierung nochmal ins Programm genommen, das Kino war voll. „Ida“ erlebt in Polen gerade eine zweite Welle des Interesses“, erklärt mir Anna Wojciechowska, Filmkennerin und Kulturmanagerin in Wrocław: „Schon als der Film 2013 rauskam, hat er eine erste Diskussion in den Feuilletons ausgelöst. Jetzt nutzen viele, die ihn noch nicht gesehen haben, die Gelegenheit, den Oscar-Anwärter aus dem eigenen Land selbst im Kino zu sehen“.

Kaum deutsches Interesse für den Oscar-Kandidaten

In Frankreich stieß die Geschichte, die im sozialistischen Polen der 1960er Jahre spielt, auf großes Interesse, insgesamt sahen dort 600.000 Menschen den Film. In Deutschland aber blieb „Ida“ so gut wie unbemerkt: „Beim Kinostart im April 2014 erreichte „Ida“ nur knapp 20.000 Zuschauer“, schreibt Spiegel Online. Und das, obwohl die Thematik gerade uns als Deutsche mit betrifft:

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Roadtrip zweier unterschiedlicher Frauen Ida (Agata Trzebuchowska) und Wanda (Agata Kulesza)|Foto: http://www.filmpolski.pl

Die Handlung: Roadtrip in die eigene Identität und ins Polen der 1960er Jahre

Die Novizin Anna, die sich auf ein Leben in einem katholischen Kloster vorbereitet, erfährt, als sie ihre Tante Wanda in der Stadt besucht, von ihrer Herkunft aus einer jüdischen Familie. Wanda klärt Anna auch über ihren eigentlichen Namen auf: Ida Lebenstein.

Die Tante führt ein eher weltliches Leben, raucht, trinkt, hat Männergeschichten und gilt als strenge Staatsanwältin, als „rote Wanda“. Die beiden unterschiedlichen Frauen begeben sich dann zusammen auf eine Art Roadtrip in die Tiefen ihres Familienschicksals, ihrer Identitäten und in die Tiefen des komplizierten Umgangs der polnischen Bevölkerung, der katholischen Kirche, mit den verbliebenen jüdischen Mitbürgern. Dabei verwandeln sich die beiden in ihrem Denken und ihrer Persönlichkeit: Die zurückhaltende, introvertierte Novizin Anna wird zu Ida, deren Augen sich zunehmend öffnen, für das Leben außerhalb der Klostermauern, für die Liebe und für den Saxophonspieler Lis (Dawid Ogrodnik).

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Vor dem Kulturhaus in den 1960ern: Ida mit dem Musiker Lis
Vor dem Kulturhaus in den 1960ern: Ida mit dem Musiker Lis (Dawid Ogrodnik)|Foto: http://www.filmpolski.pl

Der Film schafft es dabei mit akribisch komponierten Bildern in schwarz-weiß die Vielschichtigkeit der historischen Problematik darzustellen, ohne bei Schuldfragen in Schwarz-Weiß-Malerei zu verfallen. Und das, ohne die Protagonistinnen und deren tragische Entwicklung aus den Augen zu verlieren. Für Kulturmanagerin Anna Wojciechowska zeigt „Ida“ den schwierigen Umgang mit Schuldfragen auf eine Weise, die für das polnische Publikum wichtig, aber nicht ganz einfach ist: „Der Film weist keine eindeutige Schuld zu, er klagt nicht an, aber er stellt die vielen Facetten von Schuld und Unschuld dar: Die persönliche,  die gesellschaftliche, die religiöse, die politische und gesellschaftliche Ebene scheinen hier in Bildern durch“, erklärt sie, „und die Geschichte hat einen völlig unschuldigen Hauptcharakter: Ida.“

Wer hat hier verloren? Die Menschen hinter den Fassaden? Ida?
Wer hat hier verloren? Die Menschen hinter den Fassaden? Ida?|Foto: http://www.filmpolski.pl

Vielschichtige schwarz-weiße Bilderwelt

Weitreichende, gesellschaftliche Bezüge entstehen z.B. wenn Ida durch das verfallene polnische Dorf ihrer Eltern geht, fragt man sich, wer hier Verlierer ist: Diejenigen, die jetzt hier wohnen müssen, oder Ida, die hierher kommt, um das Schicksal ihrer ermordeten Eltern aufzuklären?

Oder die Beerdigung der Tante Wanda, die surreal-komisch daherkommt, mit sozialistischer Propaganda-Grabrede. Auf der Internetseite des polnischen Filminstituts wird der Film in die Gattung „Film psychologiczny“ eingeordnet, also „psychologischer Film“. Das finde ich ziemlich treffend, obwohl er sich nicht nur auf die Psychologie seiner beiden starken Frauencharaktere beschränkt, sondern gleichsam ein „sozialer Film“ ist, sensibel ist für die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Zeit.

Die schauspielerischen Leistungen von Agata Kulesza (Wanda) und vor allem von Agata Trzebuchowska (Anna/Ida) sind in ihrer Zurückhaltung und gleichzeitig in ihrer Intensität auch oscarreif. „Agata Trzebuchowska war bis dahin im polnischen Film ein Nobody“, sagt Filmkennerin Anna Wojciechowska, „fast eine Laienschauspielerin“. Mit diesem Film hat sie sich jetzt aber für weitere anspruchsvolle Aufgaben empfohlen.

Besprechung mit Regisseur Pawlikowski: Großartige Rolle für die bis dahin unbekannte Agata Trzebuchowska
Farbbild aus der Drehpause: Besprechung mit Regisseur Pawlikowski für die bis dahin unbekannte Agata Trzebuchowska|Foto: http://www.filmpolski.pl

Mein persönlicher Zirkelschluss des polnischen Films

Für mich persönlich war „Ida“ ein besonderes Erlebnis. Weil es einfach ein schöner, ästethischer, anderer Film ist und weil sich für mich ein kleiner schwarz-weißer polnischer Filmkreis schließt: Meinen ersten polnischen Kinofilm habe ich auch in Wrocław gesehen, bei einem Sprachkurs im Jahr 2009: „Der Kanal“ – Andrzej Wajdas Meisterwerk. Es war eine eindrucksvolle Erfahrung, diese polnische Sichtweise der deutschen Besatzung und des Widerstandskampfes zu sehen. Und es war eine bedrückende Erfahrung, diesen Film als Deutscher in Polen mit internationalen Sprachschülern anzuschauen.

„Der Kanal“ hat mich jedenfalls nicht mehr losgelassen und so war ich froh, als ich mich vor gut einem Jahr noch intensiver mit dem 1956 entstandenen Werk beschäftigen konnte. Und heute sehe ich durchaus Parallelen zu „Ida“: Auch „Kanal“ ist schwarz-schweiß und gehört sicher in die Gattung „psychologischer Film“. In der Ästethik gibt es ebenfalls Berührungspunkte zwischen dem Realismus der polnischen Filmschule, die Wajda mit begründete, und diesem „kleinen Film“ von Pawel Pawlikowski. Mein Kanal-Text erscheint übrigens im Februar 2015 in „Polnische Filmklassiker“ (Schüren-Verlag). Wenn  so ein Buch in 50 Jahren geschrieben wird, dürfte“Ida“ sicherlich nicht fehlen – vielleicht dann Oscar-prämiert!?

Wajda jedenfalls gewann 1957 mit „Der Kanal“ eine silberne Palme beim Filmfest in Cannes. Ob es 2015 ein Oscar wird? Ich glaube, die Chancen stehen gar nicht schlecht. Für Ida und Oscar.

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