Bahnhofs-Beobachtung: Mit Kind ins Cockpit

Köln, Hauptbahnhof. Samstagmittag, bewölkt, die Sonne kämpft sich durch die schmutzigen Glasscheiben über dem Bahnsteig. Mein nächster Zug hat 45 Minuten Verspätung. Ich sitze auf dem harten Drahtgeflecht einer der wenigen Bänke am Bahnsteig, direkt neben dem Mülleimer. Durchsagen, Wochenende, Gewusel, Raucher rund um den Aschenbecher.

Bahn-Mitarbeiter mit Kind

An einer der alten Stahlsäulen der Bahnhofshalle steht ein Bahn-Mitarbeiter. Ich erkenne ihn erst auf den zweiten Blick, an der dunkelblauen Jacke mit dem kleinen roten DB-Logo links auf der Brust. Er trägt die Dienstjacke mit einer samstäglichen Lässigkeit, den Reißverschluss komplett offen. Er sieht so aus, als ob er vor 20 Minuten noch unter der Dusche stand, die schulterlangen, dunklen Haare liegen in leichten Wellen an seinem Kopf an. Neben sich auf dem Betonboden des Bahnsteigs der bahntypische kleine schwarze Rollkoffer. Und links neben ihm, ein bisschen tiefer, steht ein kleiner Junge, blass, mit dunklen Haaren und einem bunten, viereckigen Rucksack auf dem Rücken. Die beiden sind reisefertig. Vater und Sohn, vom Äußeren her klar zu erkennen. Beide haben markante und feine Gesichtszüge, auch der Junge hat längeres Haar, aber etwas braver gekämmt als sein Vater.

Sie stehen da und schauen dem Treiben auf dem Bahnhof zu, der Kopf des Jungen wandert von links nach rechts, um ja nichts zu verpassen. Dabei verhalten sie sich zurückhaltend, reden leise miteinander. Sie sind auf eine angenehme Art unauffällig, der Mann kann als Bahnmitarbeiter sein Kind wohl kostenlos mitnehmen. Die kleinen Finger des Jungen, vielleicht ist er fünf Jahre alt, zeigen immer wieder auf Signale, auf Details im Bahnhof. Papa versucht den Überblick zu haten, nur ab und zu sagt er dem Kleinen was und hält ihn ein bisschen zurück, wenn er sich zu stürmisch auf die Bahnsteigkante zubewegt.

Vater, der Lokführer

Als der ICE nach Frankfurt in das Gleis vor uns einfährt, kramt der Mann ein großes Schlüsselbund aus seiner Jackentasche, deutlich zu sehen: ein großer Vierkantschlüssel, den er jetzt zwischen Daumen und den restlichen Fingern in der rechten Hand hält. An seiner linken Hand der kleine Junge, der jetzt dichter neben dem Vater steht. Wartend, mit wachem Blick, voll auf den einfahrenden Schnellzug gerichtet.

Die Zugspitze des ICE schiebt sich von links nach rechts langsam an den beiden vorbei, da hebt der Vater routiniert zwei Finger seiner rechten Hand in Richtung der verspiegelten, dunklen Cockpitfenster. Ein Gruß unter Kollegen. Der Kleine versucht gleich danach etwas ähnliches und versucht mit den Fingern seiner freien linken Hand eine Winkbewegung nach oben, in Richtung des Führerstands. Immer wieder schaut der Junge nach rechts, links und vor allem nach oben, um jedes Detail des großen, weiß-roten Triebwagens zu erfassen. Dabei bewegt er sich unruhig vom linken auf den rechten Fuß und wieder zurück, tänzelt aufgeregt an der Hand des Vaters. Der Zeigefinger seiner linken Hand zeigt immer wieder auf den einfahrenden Zug. Ein Lächeln schießt ihm dabei ins Gesicht. Und manchmal hält er sich die Hand vor den Mund, die Augen weit geöffnet, als ob er das Geschehen gar nicht so richtig fassen kann.

Die beiden stehen noch eine Weile ruhig an ihrem Platz, rechts von meiner Bank, bis der Zug zum Stehen kommt. Dann nimmt der Mann seinen Rollkoffer in die eine und den Sohn an die andere Hand und geht in Richtung des letzten Wagens, wo wiederum eine keilförmige Zugspitze das ander Ende des Zugs markiert. Will der Mann in den hinteren Zugteil, zum Führerstand. Will er mit seinem Kind die Fahrt dort verbringen? Rückwärtsfahrend?

Bahnhofs-Staunen

Der Kleine kann seine Freude auf dem Weg zur Zugtür kaum verbergen, er hüpft und stolpert fast. Dann stehen die beiden an der offenen letzten Eingangstür des Zugs, Hand in Hand. Der Junge ist ungeduldig, will schon einsteigen, doch der Vater hält ihn zurück, bis alle in Köln ausgestiegen sind. „Schön“, denke ich, „wie er Dienst und Familie, Arbeit und Freiheit miteinander verbindet“. Der kleine Junge ist bestimmt sehr stolz auf seinen Lokführer-Vater. Und dann kann er auch noch mit ihm im hinteren Lokführerstand fahren. Was für ein spannendes Wochenende in der Welt der Großen. Sie steigen ein, ganz am hinteren Ende des Zugs, der Vater schließt das Cockpit mit dem Vierkant auf und der Kleine zieht den bunten Rucksack, der eigentlich eher wie ein Schulranzen aussieht, von den Schultern. Viel mehr kann ich von meiner Bank aus leider nicht beobachten. Ich denke darüber nach, dass es viel mehr solche Väter geben müsste und dass er hier ein Beispiel für die Erziehung von Kindern gibt, dass die Sphären Alltag und Arbeit nicht immer getrennt sein müssen. Und fast bin ich ein bisschen neidisch auf diesen unauffälligen Mann, dessen Beruf es ist, Distanzen zu überwinden und der hier eine solche Nähe zwischen sich und dem Sohn schafft. Ich habe Zeit, schlendere am Zugende vorbei, wo ich durch die verspiegelten, dunklen Scheiben Vater und Sohn schemenhaft beim Einnehmen der Plätze im Cockpit erkennen kann. Dann gehe ich langsam wieder zurück zur Bank und setze mich wieder neben meine Reisetasche. Als ich aufschaue, schließen sich die Türen. Dann fährt er mit einem sanften Ruck los. Nach links. Der Zug wechselt in Köln seine Richtung und fährt in die entgegengesetzte Richtung weiter, mit den beiden im Führerstand voraus. Wow!

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