Aus der Wissenschaft

Der Gehalt eines Einfalls hat eine gegen Raum und Zeit undurchlässige Schutzschicht.

[Helmuth Plessner im Vorwort zu deutschen Ausgabe von Berger/Luckmann (2010): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, S. XI]

Wajdas Kanal und Rudis Tagebuch

"Strokrotka" und "Korab" vor dem verschlossenen Kanalausgang (Teresa Iżewska, Tadeusz Janczar)
Keine Rettung: „Strokrotka“ und „Korab“ vor dem verschlossenen Kanalausgang (Teresa Iżewska, Tadeusz Janczar|Screenshot „Der Kanal“)

Auch Rudi Dutschke hat den Film gesehen und war zumindest so beeindruckt, dass er ihm einen Tagebucheintrag widmete: Es geht um Der Kanal (1956) von Regisseur Andrzej Wajda. Zufällig habe ich gerade die Tagebücher (1963-1979) von Rudi Dutschke gelesen und bin über dieses Detail gestolpert, weil ich mich Anfang dieses Jahres intensiv mit diesem polnischen Filmklassiker beschäftigt habe, für einen Buchbeitrag (kommt im Oktober 2014 raus, PDF-Download weiter unten). Weil sich dieses Jahr der Warschauer Aufstand gegen die deutschen Besatzer zum 70. Mal jährt und angestoßen durch Rudis Tagebucheintrag, stelle ich mein Manuskript als PDF-Download am Ende des Textes zur Verfügung. Rudi war zum Zeitpunkt des Kinobesuchs 23 Jahre alt.

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Fundstücke aus der Wissenschaft, Teil 2. Heute: Kulinarische Kommunikationswissenschaft

„Eine Knacknuß bildet nach wie vor die thematische Organisation von Gesprächen; hier scheint eine Vielzahl verschiedener Organisationselemente ineinander zu greifen, was zu erheblichen Schwierigkeiten bei der Analyse führt.“

 

Gefunden in: Eberle, Thomas S. (1997): Ethnomethodologische Konversationsanalyse. In: Hitzler, Ronald/Honer, Anne (Hrsg.): Sozwialwissenschaftliche Hermeneutik. Eine Einführung. Opladen, S. 254.

Aus dem sozialwissenschaftlichen Labor

Fundstücke aus der Wissenschaft, Teil 1. Heute:

 

„Kommunikationsvermeidungskommunikation“

 

Gefunden in: Vogd, Werner (2009): Rekonstruktive Organisationsforschung. Qualitative Methodologie und theroretische Integration – eine Einführung. Opladen & Farmington Hills, S. 89.

Aus dem sozialwissenschaftlichen Labor

Jahresende im #MMB

Hallo liebe Netzgemeinde,

2013 ist so gut wie vorbei. Und ich werde, wie immer, bei gutem Essen und schwäbischem Wein und OHNE Böllerei ins Neue Jahr starten. Das gesparte Geld habe ich übrigens einem interessanten, regionalen journalistischen Projekt gespendet. Schnell noch ein kleiner Blog-Rückblick. Im MaxMedienBlog waren die meistgesuchten Begriffe:  Weiterlesen

„Wir ham da eine mobile Reporterin!“

Das Zitat

Wir ham da eine mobile Reporterin

habe ich in einem Google-Hangout des Literarischen digitalen Quartetts gehört. Und zwar von Marcus Schwarze, Digitalchef der Rhein-Zeitung in einer Diskussion über – na was schon – die Zukunft der Tageszeitung. An dieser Diskussion will ich mich nicht beteiligen. Aber ich will einfach mal dieses sprachliche Konstrukt festhalten. In Digitalzeiten wird „mobile Reporterin“ anscheinend als Innovation bzw. was ganz neues, tolles gesehen.

Reporter sind immer mobil!

Aber was soll das? Eine Reporterin, ein Reporter sind schon immer mobil, reportieren die Geschichte vom Ort des Geschehens in die Redaktion, auf den Schirm, in den Äther, auf die Internetseite. Es liegt ja schon im Wortsinn reporter (frz.) reporto (lat.) – zurückbringen/überbringen. Bringen kann ich nur etwas, was ich von irgendwoher geholt habe. Eine Reporterin, die nicht mobil ist, ist eigentlich keine Reporterin. Also macht das Gerede von der mobilen Reporterin keinen Sinn, auch wenn anscheinend eher jemand gemeint ist, der mit mobilen Geräten, z.B. dem Mobiltelefon, unterwegs ist und reportiert. Aber auch Radio-Aufnahmegeräte, EB-Kameras und Stift und Zettel sind mobil.

Plädoyer für sensibleren Wortgebrauch

Die nächste Wortschöpfung, auf die ich kurz eingehen will, ist das Gerede vom Journalismus als der „vierten Gewalt“. Ich muss gestehen, dass ich selber auch schon von der „vierten Gewalt“ gesprochen habe. Gerade als Journalist stilisiert man sich schließlich gern zu einer eigenen Instanz neben Legislative, Judikative und Exekutive hoch. Aber wenn man ein wenig drüber nachdenkt ist das doch auch Quatsch. Ich vermeide in Zukunft diese Konstruktion, da sie falsche Tatsachen vorspiegelt. Wolfgang Huber hatte Recht, als er 1994 schrieb:

Die Rede von den Medien als der „Vierten Gewalt“ hat mir nie gefallen. Denn die Publizistik nimmt keine hoheitliche Gewalt wahr; sie läßt sich den drei Gewalten nicht zur Seite stellen, in welche die Ausübung der Staatsautorität gegliedert ist.“

(Huber, Wolfgang: Menschenwürde? Gewalt und Intimität als Unterhaltung)

Journalismus soll schließlich staatliches Handeln im Blick haben, kritisieren und kontrollieren. Da kann er gar keine vierte, fünfte oder wie auch immer geartete, gar hoheitliche Gewalt sein! Auch wenn das mancher Journalist gerne so hätte.

Verantwortungsvoller Journalismus unter Extrembedingungen

Verantwortungsvolles und professionelles journalistisches Arbeiten ist ohne ein Hinterfragen der eigenen Rolle nicht möglich. Es geht in diesem Beruf schließlich jeden Tag um neue Situationen, Menschen, Themen, neue Herausforderungen und damit einhergehend um das Einnehmen ständig neuer Perspektiven und das Ausloten der eigenen Grenzen und Werte. Letztlich geht es um eine ständige Justierung von Nähe und Distanz. Nähe und Distanz zu den Gesprächspartnern, zum Thema, zu Institutionen, auch zur Redaktion. Wo journalistisches Handeln jedenfalls ohne ein solches Hinterfragen, ohne ethische Leitplanken geschieht, wird es verantwortungslos und kann unter Umständen sogar schaden. Weiterlesen