„Wir ham da eine mobile Reporterin!“

Das Zitat

Wir ham da eine mobile Reporterin

habe ich in einem Google-Hangout des Literarischen digitalen Quartetts gehört. Und zwar von Marcus Schwarze, Digitalchef der Rhein-Zeitung in einer Diskussion über – na was schon – die Zukunft der Tageszeitung. An dieser Diskussion will ich mich nicht beteiligen. Aber ich will einfach mal dieses sprachliche Konstrukt festhalten. In Digitalzeiten wird „mobile Reporterin“ anscheinend als Innovation bzw. was ganz neues, tolles gesehen.

Reporter sind immer mobil!

Aber was soll das? Eine Reporterin, ein Reporter sind schon immer mobil, reportieren die Geschichte vom Ort des Geschehens in die Redaktion, auf den Schirm, in den Äther, auf die Internetseite. Es liegt ja schon im Wortsinn reporter (frz.) reporto (lat.) – zurückbringen/überbringen. Bringen kann ich nur etwas, was ich von irgendwoher geholt habe. Eine Reporterin, die nicht mobil ist, ist eigentlich keine Reporterin. Also macht das Gerede von der mobilen Reporterin keinen Sinn, auch wenn anscheinend eher jemand gemeint ist, der mit mobilen Geräten, z.B. dem Mobiltelefon, unterwegs ist und reportiert. Aber auch Radio-Aufnahmegeräte, EB-Kameras und Stift und Zettel sind mobil.

Plädoyer für sensibleren Wortgebrauch

Die nächste Wortschöpfung, auf die ich kurz eingehen will, ist das Gerede vom Journalismus als der „vierten Gewalt“. Ich muss gestehen, dass ich selber auch schon von der „vierten Gewalt“ gesprochen habe. Gerade als Journalist stilisiert man sich schließlich gern zu einer eigenen Instanz neben Legislative, Judikative und Exekutive hoch. Aber wenn man ein wenig drüber nachdenkt ist das doch auch Quatsch. Ich vermeide in Zukunft diese Konstruktion, da sie falsche Tatsachen vorspiegelt. Wolfgang Huber hatte Recht, als er 1994 schrieb:

Die Rede von den Medien als der „Vierten Gewalt“ hat mir nie gefallen. Denn die Publizistik nimmt keine hoheitliche Gewalt wahr; sie läßt sich den drei Gewalten nicht zur Seite stellen, in welche die Ausübung der Staatsautorität gegliedert ist.“

(Huber, Wolfgang: Menschenwürde? Gewalt und Intimität als Unterhaltung)

Journalismus soll schließlich staatliches Handeln im Blick haben, kritisieren und kontrollieren. Da kann er gar keine vierte, fünfte oder wie auch immer geartete, gar hoheitliche Gewalt sein! Auch wenn das mancher Journalist gerne so hätte.

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„Kein Foto ist ein Leben wert!“

Bruce Shapiro, Executive Director Dart Center for Journalism & Trauma

Interview mit Bruce ShapiroExecutive Director des Dart Centers for Trauma & Journalism in New York

Vor 20 Jahren saß er mit Kollegen in einem Café in New Haven, als ein Mann hineinkam, plötzlich ein Messer zückte und begann, die Gäste damit abzustechen. Auch Bruce erlitt schwere Verletzungen. Seit diesem Vorfall kümmert sich der Journalist intensiv um traumatische Situationen und die Berichterstattung darüber. Unter dem Titel „Kein Bild ist ein Leben wert“ habe ich im im Medienmagazin Journalist (November 2012) schon einen kurzen Auszug aus dem Skype-Interview mit Bruce publiziert. Aus Platzgründen konnte ich damals nur einen Bruchteil des Gesprächs verwenden. Jetzt gibt es das ganze Interview, das ich per Skype geführt habe.
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